Zentrale Reife

Politik / 04.05.2015 • 22:22 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Zwei mal drei macht vier, widde widde witt und drei macht neune.“ Immerhin – Pipi Langstrumpf gesteht sogar stolzen Hauptes ein, dass sie mit „Plutimikation“ noch nie was am Hut gehabt hat. Aber gut. Sie geht, zumindest im ersten Teil von Astrid Lindgrens Kinderbuchdreiteiler, auch nicht in die Schule. Ganz anders Hunderte Vorarlberger Schülerinnen und Schüler, die gemeinsam mit Tausenden anderen in den restlichen Bundesländern ab heute in den AHS ihr Können in Mathematik und weiteren Hauptfächern anhand der neuen Zentralmatura unter Beweis stellen müssen, im Fach Englisch wird die Prüfung in Vorarlberg schon länger umgesetzt.

 

Die Bedenken über diese neue Form der Reifeprüfung als Teil der laufenden Bildungsreform sind groß. Der Ausgang dieses Projekts ist zwar derzeit noch offen, eines scheint aber klar zu sein: Schneiden die ersten Zentralmaturanten gleich gut ab wie die verantwortliche SPÖ-Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek und ihr von Pannen gekennzeichnetes Bifie in der Vorbereitung der neuen Leistungstests, werden diese ein Desaster. Insofern ist die Zentralmatura auch ein Gradmesser für die Qualität der Bildungsministerin und mit ihr für die gesamte österreichische Koalitionsregierung.

Die Zentralmatura ist aber auch ein Gradmesser für die Qualität des Lehrkörpers. Denn es gilt jetzt für alle Unterrichtenden, mit ihren Schülern ein klar definiertes, einheitliches Bildungsziel zu erreichen, ohne dass in den Maturavorbereitungen hier oder dort seitens des Lehrkörpers ein klein wenig nachgeholfen werden könnte, sei es durch die Besprechung jener Aufgaben, die dann just als Maturafrage kommen, oder durch eine viel zu enge Eingrenzung des Prüfungsstoffs. Die meisten Lehrer werden die Aufgabe sicherlich erfüllen können, jene, die es nicht zuwege bringen, müssen sich die Frage nach der Qualität ihrer Arbeit gefallen lassen, was gut ist und über einen längeren Zeitraum hinweg zur Qualitätssicherung innerhalb des Lehrkörpers beitragen könnte. Wenn man denn Konsequenzen daraus zieht.

 

Freilich, bis dahin haben die betroffenen Schüler das Nachsehen. Wie mit diesem Problem umgegangen wird, bleibt abzuwarten. Unklar ist auch, ob die Zentralmatura einem anderen Bildungsmanko entgegenwirken kann: Vom humanistischen und aufklärerischen Ideal der allgemeinen Bildung als Grundpfeiler einer freien Gesellschaft entfernt sich das heimische System immer mehr. Schulen entwickeln sich zusehends zu bloßen Ausbildungsstätten, in denen es um die Produktion ökonomisch nützlicher Fachmenschen und wirtschaftlich verwertbaren Wissens geht. Europaweite Leistungsstandardisierungen nach PISA und Bologna sind Ausdruck einer Entwicklung, bei der nur messbare Reproduktion von Lehrinhalten gefragt ist, die standardisierten und damit vergleichbaren Leistungstests sind quasi zum Aktienmarkt einer ökonomisch verwertbaren Bildung geworden. Die Zentralmatura reiht sich ein in dieses Instrumentarium – zumindest vordergründig.

 

Als zentrale Frage bleibt also, ob es dem Lehrkörper gelingt, die Schüler schnell genug auf die standardisierte Zentralmatura vorzubereiten, sodass genügend Zeit bleibt, um sich der individuellen Bedürfnisse, Begabungen und Interessen der Schüler anzunehmen, um auch den musischen und philosophischen Belangen genügend Raum zu geben. Bildung ist nämlich weit mehr als die Reproduktion vergleichbaren und wirtschaftlich verwerbaren Wissens.

Bildung ist weit mehr als die Reproduktion vergleichbaren Wissens.

andreas.feiertag@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-722