Begegnung mit Freude und Tiefgang

Vorarlberg / 05.05.2015 • 21:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Schülerinnen und Schüler aus Armenien und Dornbirn sind innerhalb einer Woche zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen.  Fotos: VN/Hartinger
Schülerinnen und Schüler aus Armenien und Dornbirn sind innerhalb einer Woche zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen. Fotos: VN/Hartinger

Wie sechs armenische Mädchen und ihre Lehrerin in Vorarlberg Herzen eroberten.

Dornbirn. (VN-hk) Dshemma, Nina, Ofelja, Armine, Ruzanna und ihre Deutschlehrerin Lusine Ikilikyan: Sie kamen, sahen und eroberten die Herzen ihrer Gastgeberfamilien und aller, die mit ihnen während ihres siebentägigen Besuchs zu tun hatten. Die sechs Mädchen und ihre Lehrerin kommen aus Armenien. Im Rahmen der Partnerschaft des Bundesgymnasiums Dornbirn mit deren Schule in Gyumri, der zweitgrößten Stadt Armeniens, waren sie in Vorarlberg. Sie wohnten bei den Familien der sogenannten UNESCO-Gruppe des BG Dornbirn, Schüler der fünften und sechsten Klasse der AHS.

Natürlich ist Armenien gerade dieser Tage nicht irgendein Land. Der Genozid, der sich 2015 zum hundertsten Mal jährt, hat das kleine Land im Kaukasus mit seinen drei Millionen Einwohnern in den Fokus der Weltöffentlichkeit gedrängt. Natürlich ist dieses traurige Jubiläum auch bei der Begegnung der Schüler ein Thema, wird in den Workshops behandelt und gibt Anlass für Diskussionen und Reflexionen. „Wir haben uns der Geschichte gestellt und versucht, das Trauma aufzuarbeiten“, sagt Lehrerin Lusine Ikilikyan, und fügt an: „Jene, die darin auch verwickelt waren und die Konfrontation mit der historischen Wahrheit ablehnen, haben das Trauma noch nicht abgeschüttelt. Je länger sie in der Ignoranz von Fakten verharren, desto mehr versteifen sie sich darauf und werden das Problem nicht los.“

Keine Anklage

Die Lehrerin erhebt dabei keine Vorwürfe gegen die Türkei und gegen Türken. Sie klagt nicht an, sie artikuliert keinen Hass. Die Gruppe hatte am großen Festabend in Dornbirn sogar Kontakt zu einem türkischen Islam-Lehrer. Die Begegnung sei sehr höflich verlaufen. Begegnungen hatten die Mädchen aber vor allem mit Gleichaltrigen und einigen Sehenswürdigkeiten in Vorarlberg. Man besuchte den Muttersberg, Feldkirch, Bregenz und natürlich Dornbirn. „Vorarlberg ist ein wunderschönes Land mit sehr vielen schönen Häusern“, zeigt sich Dsemma begeistert. Ein Herz und eine Seele sind Ofelja und Lisa geworden. Lisas Eltern führen das Chinesische Restaurant „Lei Lei“ in Lustenau. Dort war die ganze Gruppe auch zum Essen eingeladen. „Wir hatten so viel Spaß miteinander“, sagen Lisa und Ofelja lachend.

Für die Organisation des Besuchs zeichneten die Dornbirner BG-Lehrerinnen Karin Schindler-Bitschnau und Angelika Schmölz verantwortlich. Auch der pensionierte ORF-Journalist Harald Hornik beteiligte sich am Projekt. Er ist Armenien-Kenner und drehte 2010 eine vielbeachtete Dokumentation über jenes Land, das nicht nur den Genozid zu verarbeiten hat, sondern auch das schreckliche Erdbeben im Jahr 1988. Trotzdem sind die Armenier lebensfrohe Menschen. Das bewiesen die sechs Mädchen in Dornbirn eindrücklich. Nicht zu knapp wurde in den sechs Tagen ihres Besuchs gesungen und getanzt.

Wir haben uns der Geschichte gestellt, um das Trauma aufzuarbeiten. Das ist der richtige Weg.

Lusine Ikilikyan
Ofelja (links) wohnte bei Lisa. Die Mädchen sind nun Freundinnen.
Ofelja (links) wohnte bei Lisa. Die Mädchen sind nun Freundinnen.