Die Pilgerhaltung ist nicht Bedingung

Kultur / 05.05.2015 • 20:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Andreas Gribou: Kreuzigungs­darstellung von 1552.  
Andreas Gribou: Kreuzigungs­darstellung von 1552.  

Wer keine Spiritualität sucht, findet in einer besonderen Ausstellung dennoch Schätze.

Christa Dietrich

Überlingen. Nachdem die Stadt Konstanz das 600-Jahr-Jubiläum des Konzils (1414–1418) seit dem Vorjahr zum Anlass nimmt, umfangreiche Ausstellungen und Veranstaltungen anzubieten, die auf die historische Bedeutung der Bodenseeregion verweisen, ist man auch in anderen Orten darauf bedacht, den Fokus auf jene Zeugnisse zu richten, die die Gegend zwischen der Insel Reichenau bis zum östlichen Ufer des Sees als einstiges geistiges Zentrum ausweisen.

Abgesehen davon, dass sich das Städtische Museum in Überlingen, untergebracht in einem ehemaligen Patrizierpalast, in dem sich Gotik, Renaissance und Barock vereinen, grundsätzlich als Fundgrube erweist, wurde dort unter der Kuratorin Claudia Vogel nun die Ausstellung „Mystik am Bodensee“ ausgerichtet. Bis Mitte Dezember geöffnet, bietet man jenen, die nach Spiritualität suchen, in einem umfangreichen Rahmenprogramm mannigfaltige Möglichkeiten der Auseinandersetzung und Einkehr. Die Pilgerhaltung ist allerdings nicht Bedingung, durch und durch aufgeklärte Menschen werden diesen Aspekt nicht als störend empfinden, denn in den verschiedenen Räumlichkeiten lässt sich unter nahezu hundert Objekten offenen Auges viel Sehenswertes aus dem Bereich der sakralen Kunst aufspüren, das die Anreise auf jeden Fall lohnt.

Da bleibt der Blick ruhen

An der Madonnenskulptur aus dem frühen 14. Jahrhundert wird der Blick allein aufgrund des leichten Lächelns der Muttergottes hängen- bleiben. Arbeiten des Meisters Heinrich von Konstanz sind inzwischen in Sammlungen großer Museen gelandet. Aus dem 12. Jahrhundert stammt ein romanisches Kruzifix aus dem frühen 16. Jahrhundert, jene Darstellung des die Wundmale empfangenden Franz von Assisi, die einmal den Hochaltar der Franziskanerkirche in Überlingen prägte.

Es ist nicht das frühe Mittelalter, das hier versammelt ist. Diese Zeugnisse möge man unter anderem in den Kirchen auf der Reichenau suchen. Die Buchmalerei  des 13. und 14. Jahrhunderts sowie des 16. Jahrhunderts birgt ebenfalls Aufschlussreiches. Welt- und Himmelsdarstellungen mit Putti, fast so weit das Auge reicht, vermitteln Facetten des Volksglaubens, aber auch des Wunsches nach Illustration. Die Engelchen eines Raffael fanden rasche Verbreitung bzw. derlei bunte Darstellungen erfreuten sich großer Beliebtheit und haben berührt.

Aus dem 18. Jahrhundert stammt ein Zaubergürtel mit christlichen Beschwörungsformeln, der hin zu Esoterik oder Objekten führt, die der Meditation dienten. Dass sich der Dichter Hermann Hesse (1877–1962), der einige Jahre am Bodensee verbracht hatte, sozusagen als Freigeist mit fernöstlicher Mystik beschäftigte, ist bekannt und findet mittels einer Buddha-Darstellung Erwähnung.

Heinrich Seuse

Zu den bekanntesten katholischen Mystikern am Bodensee zählt der selig- gesprochene Dominikaner Heinrich Seuse oder (latinisiert) Suso, der im 13. Jahrhundert auch als Poet und Sänger unterwegs war und im Grunde genommen Askese predigte, der aber auch, so die Forschungen, bereits eine psychologisch orientierte Seelsorge vertrat. Dass die Gegenreformation (zitiert wird schließlich auch einer der bekanntesten Vertreter, nämich Angelus Silesius bzw. Johannes Scheffler) vielen Menschen hingegen viel Leid brachte, verliert sich allerdings in Andeutungen.

Geheimnisvoll lächelnd wie der berühmte Engel von Reims: Madonna aus dem 14. Jahrhundert aus Konstanz.  Fotos: VN/Dietrich
Geheimnisvoll lächelnd wie der berühmte Engel von Reims: Madonna aus dem 14. Jahrhundert aus Konstanz. Fotos: VN/Dietrich

Geöffnet im Städtischen Museum Überlingen bis 19. Dezember, Di bis Sa, 9 bis 12.30 Uhr, 14 bis 17 Uhr, So und Feiertag, 10 bis 15 Uhr.