„Die Professoren haben Beachtliches geleistet“

Vorarlberg / 05.05.2015 • 20:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Die Ankunft der Besatzer erlebte Walter Konrad als zwölfeinhalbjähriger Gymnasiast.

Heidi Rinke-Jarosch

feldkirch. Zwangsarbeiterinnen, französische Offiziere, Flüchtlinge: Walter Konrads Elternhaus war im letzten Kriegsjahr Herberge für Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Walter Konrad kam am 3. September 1932 zur Welt und wuchs geschwisterlos mit Mutter und Großeltern in deren Haus in Feldkirch auf, in dem er noch heute wohnt. Der Vater – er war Postdirektor – starb 1941.

Im September 1942 kam der Bub in die 1. Klasse Gymnasium, das noch „Oberschule für Jungen“ hieß. Die Professoren seien „etwas konservativ, aber gut“ gewesen. Walter Konrad erinnert sich noch gut, wie Anfang Oktober zwei Uniformierte in der Schule erschienen und für eine Napola – nationalsozialistische Ausbildungsanstalt – geworben haben. „Zwei meiner Mitschüler gingen dorthin.“ Kurze Zeit später habe er sie noch einmal gesehen: „Sie kamen in maßgeschneiderter Uniform und erzählten uns, wie gut es ihnen gehe, und dass sie gleich in die 2. Klasse durften.“ Danach habe er nie wieder von ihnen gehört.

Das Schuljahr 1944/45 wurde wegen der Gefahr durch Luftangriffe bereits im März beendet. Bei Fliegeralarm suchten die Konrads den eigenen Keller auf. Hinsichtlich Verpflegung hatte die Familie im Krieg keine Probleme. „Wir besaßen einen großen Garten und konnten uns daher mit Obst und Gemüse selber versorgen“ berichtet Walter Konrad. Außerdem bauten die Konrads auf einem Stück Acker in Götzis Mais und Kartoffeln an und hielten sich an die 20 Hühner sowie eine Menge Hasen – „manchmal bis zu 40“.

Verbotene Freundlichkeit

Im Mai 1942 ordneten die Nationalsozialisten die Zwangsrekrutierung ausländischer Arbeitnehmer an. Der überwiegende Teil der Zwangsarbeiter stammte aus Polen und den eroberten Gebieten der Sowjetunion. Die Verteilung der aus ihrer Heimat verschleppten Arbeitskräfte auf Unternehmen und auch Privathaushalte übernahmen die Arbeitsämter.

Auch im Hause Konrad waren im letzten Kriegsjahr Zwangsarbeiterinnen untergebracht. Woher sie kamen, daran erinnert sich Walter Konrad nicht mehr genau, vermutet aber aus der Ukraine. „Die Mädchen wurden jedoch wieder abgezogen, weil wir sie gut behandelt haben.“ Zum Beispiel war es für die Konrads selbstverständlich, dass die Mädchen gemeinsam mit ihnen am Tisch gegessen haben. Familiäre Beziehung zu Zwangsarbeitern war jedoch verboten und galt sogar als Straftat.

Haus beschlagnahmt

Am 3. Mai 1945 gegen 13:30 Uhr standen die Konrads auf dem Dachbalkon ihres Hauses und schauten zu, wie die ersten französischen Panzerspähwagen in Feldkirch eintrafen. „Nachdem unser Haus zu jenem Zeitpunkt schon mit Bad und Zentralheizung ausgestattet war, beschlagnahmten es die Besatzer.“ Bis zu 20 Franzosen aus der Kommandantur wurden einquartiert. „Uns ließen sie zwei Zimmer.“

Ein Gebäude in der Nähe war Unterkunft marokkanischer Soldaten. Mit dem Nachbarsbub habe sich Walter Konrad öfters hinter dem Hühnerstall versteckt und von dort aus beobachtet, wie die Marokkaner hinterm Haus gebetet haben. „Das war etwas Neues für uns.“

Flucht mit Lucie

Nachhaltig Eindruck hat bei ihm jene ungarische Flüchtlingsfamilie hinterlassen, die von den Franzosen im Haus einquartiert wurde. „Das Ehepaar hat seine Tochter Lucie trotz schwerer Behinderung auf die Flucht mitgenommen.“ Dessen Hoffnung, Lucie zu überleben, habe sich erfüllt, sinniert Walter Konrad. „Lucie starb wenige Jahre später.“

Im September 1945 begann wieder der reguläre Unterricht. Wegen der sehr langen Ferien wiederholten fast alle Schüler die Klasse – auch Walter Konrad. Unterrichtet haben dieselben Professoren wie während des Krieges. Deren Leistung nach dem Krieg sei beachtlich gewesen, sagt er. „Es gab fast keine Unterrichtsmaterialien. Trotzdem haben sie uns viel beigebracht.“

Die Mädchen wurden abgeholt, weil wir sie gut behandelten.

Walter Konrad
Die rassistische Trennwand zwischen Einheimischen und ausländischen Zwangsarbeitern wurde durch Warnungen und Strafen verstärkt.
Die rassistische Trennwand zwischen Einheimischen und ausländischen Zwangsarbeitern wurde durch Warnungen und Strafen verstärkt.

Zur Person

Walter Konrad war 50 Jahre Wirtschaftskammer-Funktionär, zuletzt Bundesgremialvorsteher-Stv.

Geboren: 3. 9. 1932

Wohnort: Feldkirch

Beruf: Handelsvertreter

Familie: geschieden, Vater von 2 Töchtern und 2 Söhnen

Quelle für Hintergrund-Infos/Faksimile: „Nationalsozialismus in Vorarlberg“, Meinrad Pichler, StudienVerlag und erinnern.at