Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Hochzeit

Vorarlberg / 05.05.2015 • 21:56 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Weißt du“, sagte die Frau und schmiegte sich in die Achselhöhle ihres Mannes, „es muss ja keine Hochzeitsfeier geben, aber ich möchte, dass wir ein Hochzeitsfoto machen, darauf würde ich ein Brautkleid tragen und du einen festlichen Anzug mit schimmerndem Revers.“

„Warum das?“, fragte der Mann und setzte sich im Bett auf. „Du weißt doch, dass ich dich liebe und dass ich dich nie verlassen werde.“

„Wegen der Scham“, sagte die Frau. „Ich schäme mich vor meinen Leuten, wenn ich mit dir nur zusammenlebe. Es ist, als würdest du mich nur vorübergehend benutzen.“

Das kränkte den Mann, der alles für sie tat. Er stand vom Bett auf und schenkte sich ein Bier ein. Es war noch am Morgen, und sie wollte schon sagen: „Jetzt schon am Morgen Bier“, verbot es sich aber.

„Ich will“, sagte sie. Sie stand auf, stand zierlich an seiner Seite und streichelte den muskulösen Oberarm, „ich will, dass meine Leute sagen: Das ist die Frau dieses Mannes, sie hat das Brautkleid getragen und ihre Hand unter seinen Ellenbogen geschoben und auf seinen Unterarm gelegt, den Unterarm ihres Mannes. Das will ich sagen.“

Einmal hatte man der Frau sehr wehgetan, da war sie erst zwölf gewesen. Ihre Eltern wollten sie verheiraten, der zukünftige Mann war über zwanzig, und er gefiel ihr. Sie war so unschuldig, hatte nur ihre Geschwister geküsst und ihre Mama. Sie sah bereits wie eine Frau aus. Sie fragte ihre Mutter, wann denn ihr Brautkleid gekauft würde. „Warum gehen wir nicht zum Schneider?“ Sie hatte Angst, es könnte nicht rechtzeitig fertiggenäht sein.

Tische wurden aufgestellt, die Bühne für die Musikanten, Fässer mit Wein, ein Ferkel drehte sich am Spieß. Die Mutter hatte ihr gesagt, ihr Mann müsse in die Kaserne, aber nach drei Jahren käme er zurück. Sie würde auf ihn warten, Aussteuer sammeln. Aber: Keine Hochzeit, sondern Abschied. Abschied der Rekruten.

„Es wurde festlich und laut gefeiert“, erzählte die Frau, „ich lief über den Festplatz und suchte meine Hochzeit. Ich hörte meinen Vater mit den Eltern meines zukünftigen Mannes fluchen, er sagte, niemals würde er seine Tochter an so arme Schlucker verschenken, sie hätten nichts zu bieten. Ich hörte das Fauchen der Akkordeons und die Rufe der Trompete, ich war wie gelähmt, ohne Hochzeit, ohne Brautkleid. Mein Verlobter war blasser als der Morgen, als er sich heimlich von mir verabschiedete. Ich habe ihn nie mehr gesehen. Ich ging zum Festplatz, die Tische sahen aus, als sei der König gestorben. Ich dachte mir, niemals werde ich einen Besseren finden, und jetzt hab ich dich.“

Sie stand auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf den Mund.

Ich dachte mir, niemals werde ich einen Besseren finden, und jetzt hab ich dich.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.