Das gleiche Schicksal vereinte

Spezial / 06.05.2015 • 19:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ein französischer Besatzungsoldat verschenkt Zigaretten. Das Foto stammt aus dem Jahr 1945. Foto: Stadtarchiv Dornbirn  
Ein französischer Besatzungsoldat verschenkt Zigaretten. Das Foto stammt aus dem Jahr 1945. Foto: Stadtarchiv Dornbirn  

Nach dem Krieg wurde Vorarlberg von den Franzosen besetzt. Die Soldaten kamen und gingen als Freunde.

schwarzach. (VN-kum) Am 29. April 1945 betraten Soldaten der 1. Französischen Armee Vorarlberger Boden. Die Befreier, es waren bis zu 30.000, kamen von Süddeutschland übers Leiblachtal nach Vorarlberg. An der deutsch-österreichischen Grenze bei Hörbranz-Unterhochsteg wurde ein Schild mit der Aufschrift „Ici l’Autriche –Pays ami“ (Hier ist Österreich, ein befreundetes Land) aufgestellt. Nachrückenden französischen Truppen sollte klargemacht werden, dass Österreich nicht als feindliches Territorium betrachtet wurde.

Gemeinsames Schicksal

„Die Franzosen kamen als Freunde ins Land und wollten uns von der nationalsozialistischen Herrschaft befreien“, sagt Zeithistoriker Wolfgang Weber. Und: „Frankreich sah Österreich auch als ein Opfer von Hitler. Wie Frankreich wurde es von Deutschland überfallen. Dieses gemeinsame Schicksal hat verbunden.“ Laut dem Historiker war das Verhältnis zwischen den Befreiern und den Vorarlbergern schnell sehr gut und von Vertrauen geprägt. Auch auf oberster Ebene verkehrte man wie Freunde. Oberst Henri Jung, der Chef der französischen Militärregierung, die im Zuge der Befreiung in Vorarlberg errichtet wurde, besuchte Ulrich Ilg, der im Mai 1945 von den Franzosen zum Landeshauptmann ernannt wurde, regelmäßig auf dessen Bauernhof. „Beim Essen besprachen sie politische und private Sachen. Ilgs Kinder saßen auf dem Schoß des Obersts“, zeigt Weber auf, wie amikal es zuging. Es kam auch zu zahlreichen amourösen Verbindungen. Ein Indiz dafür war die Errichtung eines Entbindungsheimes in Bregenz im April 1946 durch die Franzosen. Denn immer mehr einheimische Frauen bekamen Kinder von Besatzungssoldaten. „Von April bis August 1946 kamen dort 79 Kinder zur Welt“, berichtet Weber.

Truppen abgebaut

Im Juni 1946 gaben die Franzosen die politische Verantwortung endgültig in die Hände der Vorarlberger Landesregierung. „Ab da regierten wir uns selber. Die Militärregierung wurde zur Kontrollinstanz.“

Frankreich baute seine Truppen in der Besatzungszone sukzessive ab, auch weil es immer mehr Vertrauen in die hiesige Regierung hatte. Zuerst wurden die Kampftruppen, Marokkaner und Senegalesen, abgezogen. „Danach kamen die Besatzungstruppen ins Land, das waren gut ausgebildete Verwaltungsfachleute, rund 7000 an der Zahl. Diese wurden dann Schritt für Schritt reduziert. Ende 1946 waren es nur mehr 1000, zum Schluss nur mehr wenige Dutzend.“

In den acht Jahren der Besatzungszeit erholte sich das Land wirtschaftlich. Der Marshallplan der USA beschleunigte den wirtschaftlichen Wiederaufbau. Dieser ermöglichte unter anderem Kredite für den Aufbau der Infrastruktur, zum Beispiel Hotelbauten. „Das war für den heimischen Tourismus ganz wichtig“, informiert der Zeithistoriker.

Systemwechsel gelang

Auch politisch gelang es den Franzosen, das Land zu stabilisieren. Der Systemwechsel von der Diktatur zur Demokratie ging laut Weber anstandslos über die Bühne. „Als im November 1953 die letzten Besatzungssoldaten nach einer Abschiedsfeier auf der Schattenburg abzogen, hatten wir eine gefestigte Demokratie. Sie hatten ihr Ziel, den Nationalsozialismus zu beseitigen, erreicht.“