Keinen „Bammel“ mehr vor Schubert

Kultur / 06.05.2015 • 18:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Sorgte für einen Glanzpunkt: Annette Dasch. Foto: Schubertiade
Sorgte für einen Glanzpunkt: Annette Dasch. Foto: Schubertiade

Annette Dasch setzte einen unglaublich persönlichen Lieder-Glanzpunkt.

HOHENEMS. Die Schubertiade ist gerade vier Tage alt und hat schon ihren ersten Glanzpunkt im Lied, der wohl in der gesamten Saison schwer zu toppen sein wird. Wie ein Stern ist die Berliner Sopranistin Annette Dasch (39) hier aufgegangen, als strahlende Diva von klassischer Schönheit, blendend aufgelegt und stimmlich ideal disponiert. Die künstlerische Vielfalt, die emotionale Tiefe und die inhaltliche Tragweite ihres Schubert-Liederabends sind von bleibendem Wert.

„Bammel vor Schubert“ hat Annette Dasch noch 2006 in einem VN-Interview gestanden, als sie in Schwarzenberg debütierte. Ihre Entwicklung zur großartigen Liedgestalterin ist rasant verlaufen und parallel zu ihrer Opernkarriere, u. a. in Bayreuth als Elsa in „Lohengrin“. Von dort bezieht sie auch die darstellerische und stimmliche Kraft, um im ersten Teil ausufernde Balladen wie Schillers allein 15-minütige „Klage der Ceres“ so überzeugend zu erzählen, dass man im Saal die berühmte Stecknadel hätte fallen hören. In solchen Opern-Minidramen kann sie ihrer großen Stimme auch im Lied freien Lauf lassen, „dem Affen Zucker geben“, wie das auf gut Berlinerisch heißt. Der Eindruck ist umwerfend, auch wenn sie diese unbekannten Text-Kaliber natürlich nach Noten singt und doch das Publikum mit einbezieht. Begleiter Wolfram Rieger ist ein Wunder an Klangkultur, niemals zu laut, niemals zu ungestüm und erhält am Ende seinen Sonderapplaus.

Beklemmendes …

Echte Schätze zu entdecken gibt es dann mit todtraurigen Raritäten. Schubert hat ja gerade an die bedrückendsten Lieder seine schönsten Melodien verschenkt, so, als wollte er seine Zuhörer damit trösten. Etwa „Totenkranz für ein Kind“, das Annette Dasch mit tiefer Empfindung singt, ohne je ins Sentimentale abzugleiten, wie auch beim finalen „Abschied von der Erde“, den sie melodramatisch rezitiert. Gleichwohl ist man dankbar, dass nach diesem beklemmenden „Requiem“ und einem Beifallsorkan zwei fröhliche Schubert-Dauerbrenner als Encores folgen.

… und Spiellust

Nach einem Liederschwerpunkt kommt auch die Kammermusik zu ihrem Recht. Doch da stehen einander mit dem schweizerisch-französischen Flötisten Emmanuel Pahud und der georgischen Pianistin Katia Buniatishvili nicht etwa Solist und Begleiterin gegenüber, sondern zwei brillante, gleichwertige Virtuosen. Das Spannendste ist denn auch der Eindruck, dass sie einander bei Schuberts klug inszenierten Variationen über „Trockne Blumen“ noch an Schnelligkeit und Spiellust zu übertrumpfen versuchen. Für solch gekonnt gestreutes „Virtuosenfutter“ gibt es beim Publikum auch den meisten Applaus. Doch es geht um mehr.

Pahud verdankt man hier seit 2000 gepflegte kammermusikalische Ereignisse, die junge Buniatishvili hat sich seit 2011 vor allem solo als „Junge Wilde“ in der ungestüm eigenwilligen Auseinandersetzung mit der Technik des Flügels profiliert. Beide Temperamente zusammen ergeben erneut ein Duo, das sich zwar gegenseitig anstachelt und die Bälle zuwirft, sich aber auch auf einer künstlerisch hochkarätigen Ebene in Schönheit und Expressivität findet. Davon profitieren etwa der fein nachempfundene romantische Klassizismus in der „Undine“-Sonate des kaum bekannten Carl Reinecke oder zwei Bearbeitungen, die mangels geeigneter Literatur für die Flöte im 19. Jahrhundert entstanden: Mozarts Violinsonate B-Dur und Brahms’ Klarinettensonate Es-Dur, mit betörendem Flötenton und elegant verspielten Klavierpassagen in einem klassisch-romantischen Geist erarbeitet.

Schubertiade Hohenems heute, Markus-Sittikus-Saal: 16 Uhr, Quatuor Ebène (Beethoven); 20 Uhr Fazil Say, Klavier, Minetti Quartett (Haydn, Mozart, Schubert)