Meinrad Pichler

Kommentar

Meinrad Pichler

Nationale Vernebelung

Vorarlberg / 06.05.2015 • 19:22 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In einem beeindruckenden Essay beschreibt der scheidende Japan-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die zunehmenden Schwierigkeiten einer kritischen Berichterstattung aus einem Land, das seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten und sozialen Verwerfungen mit nationalistischem Gehabe der herrschenden Elite verdecken möchte. Leiseste Kritik wird von der aktuellen Regierung als feindlicher Akt interpretiert. Zur verordneten Blickverengung gehört auch die trotzige Leugnung historischer Schandflecken. Japan will vom Terror, den seine Soldateska von 1940 bis 1945 über ganz Ostasien verbreitet hat, nichts wissen. Unter den Millionen von Opfern befindet sich auch der Vorarlberger China-Missionar August Wachter, der wie Millionen anderer Zivilisten von japanischen Mordbrigaden niedergemetzelt wurde. Wer heute darüber schreibt, wird zum Staatsfeind erklärt.

Auch die meist jungen türkischstämmigen Österreicher, die meinen, den Völkermord an den Armeniern öffentlich leugnen zu müssen, sitzen in der fatalen nationalistischen Falle staatlicher Propaganda. Dort hinein sind sie mit chauvinistischem Käse gelockt worden.

Das Mittel, mit dem zur Macht Drängende oder bedrängte Mächtige von eigenen Problemen abzulenken versuchen, ist stets die Anrufung und Pflege von Feindbildern. Man erinnert sich an den Zorn über die „internationale Jagdgesellschaft“, die Waldheim an seiner Geschichtsweglegung hindern wollte, und über die EU-Maßnahmen, denen Kanzler Schüssel mit dem Kampfbegriff „Sanktionen“ gegen Österreich begegnete. Auch damals wurde nicht über die Gründe für die Sorge der Unionsmitglieder nachgedacht, sondern ein nationaler Furor gegen die angebliche antiösterreichische Boshaftigkeit entfesselt. Wenn Schüssel damals seinen zwielichtigen Partner genauer angeschaut, statt an der Wagenburg gebaut und auf das Ausland geschimpft hätte, wäre uns einiges erspart geblieben, vor allem auch etliche Milliarden Steuergelder.

Zu allen Zeiten diente nationalistische Aufhetzung der Vernebelung politischer Absichten und Fehlgriffe, dem Machterhalt und der Umleitung aufkommenden Unmuts in die Irre. Um die nationalistische Empörung zu mobilisieren, wird an den Nationalstolz appelliert, der scheinbar beleidigt wurde; die eigene Geschichte wird ins Makellose zurechtgebogen, gegen angeblich übelwollende Feinde Stimmung gemacht und je nach Bedarf auf historisch verbürgte Feindbilder zurückgegriffen. Die Mähr von der herabgewürdigten Nation dient stets der Vernebelung der Weitsicht und nie der Klärung einer Sache.

Zur verordneten Blickverengung gehört auch die trotzige Leugnung historischer Schand­flecken.

meinrad.pichler@vorarlbergernachrichten.at
Meinrad Pichler ist Historiker und pensionierter Gymnasialdirektor.