Die Reblaus

Politik / 07.05.2015 • 22:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu trinken. Das sei das heimliche Lebensmotto des Bundeskanzlers Leopold Figl gewesen, der am 9. Mai vor 50 Jahren gestorben ist. So hieß es zu Lebzeiten des Mitbegründers der Volkspartei. Das war aber nur die eine Seite des charismatischen Politikers. Natürlich hat der gelernte Agraringenieur aus Niederösterreich den Weinbau über alles geliebt. Er hatte aber auch in angeheitertem Zustand noch ein bemerkenswertes politisches Gespür. Manches ist auch nur Legende. Dass er die Russen bei den Verhandlungen über den Staatsvertrag mit dem Wienerlied „I muaß im frühern Lebn eine Reblaus gwesen sein“ weichgeklopft habe, ist eine sympathische Erfindung.

Am 17. August 1946 besuchte Leopold Figl unser Bundesland. Es kam zu einem Riesen-Eklat. Er hatte für den nächsten Tag um 21 Uhr eine Rundfunkrede im Sender Dornbirn angekündigt. Der französische Zensuroffizier verlangte, dass ein Satz aus dieser Ansprache herausgeschnitten werden müsse und nicht gesendet werden dürfe. Das ließ der Bundeskanzler nicht zu. Alle umstehenden Zuhörer hatten das Empfinden, dass dieser Vorfall eine Kompromittierung des österreichischen Bundeskanzlers war, schrieb Ulrich Ilg in einem bösen Brief an den französischen Militärgouverneur Jung in Bregenz. Es war anzunehmen, dass sich Leopold Figl an seinen engen und trinkfesten Freund General Bethouart wenden werde, mit dem er auf der Pirsch schon viele Böcke geschossen und viele Flaschen geleert hatte. Am Abend des zweiten Tages gab Militärgouverneur Jung im Hotel „Weisses Kreuz“ in Bregenz einen Empfang für den Bundeskanzler und seine Begleitung. Mitten hinein platzte die Nachricht, dass Figls Rede im Sender Dornbirn um 21 Uhr natürlich unzensuriert zu senden sei.

Ein Problem hatte Leopold Figl mit seinen Parteifreunden in Vorarlberg wegen der Behandlung der Nationalsozialisten. Er nahm deshalb bei seinem Vorarlberg-Besuch auch an einer Sitzung der Landesregierung teil. Der Bundeskanzler hatte Jahre im Konzentrationslager verbracht und wurde dort von SS-Männern fast zu Tode geprügelt. Und nun ließ ihn Ulrich Ilg wissen, dass Vorarlberg große Bedenken gegen das neue Nazigesetz habe. Die Bundesregierung wollte alle Direktoren und Lehrer an Mittelschulen, die sich zur NSDAP bekannt hatten, langsam auswechseln. Das sei zu hart. Da mag wohl Elmar Grabherr, der ehemalige Mitarbeiter des Gauleiters Hofer, im Hintergrund seine Fäden gezogen haben. Landeshauptmann Ulrich Ilg hatte ein anderes Motiv. Ulrich Ilg vertrat die Ansicht, dass der Druck auf die Beamten im Gau Tirol-Vorarlberg unter Gauleiter Hofer viel stärker gewesen sei als in den anderen Landesteilen. Es trat deshalb aus tiefster christlicher Überzeugung für versöhnliche Gesten ein.

Bundeskanzler Leopold Figl hatte im August 1946 nach einem artigen Besuch beim Bischof auch an einer Kundgebung der Volkspartei gesprochen, an der 7000 Leute teilnahmen. Allein daran sieht man, dass es schon eine Ewigkeit her sein muss. Besonders beeindruckt war er auch von einem Abendessen im Hause des Landeshauptmannes Ulrich Ilg in Hatlerdorf. Da wurde er wohl auch mit Getränken verwöhnt. Jedenfalls wusste der Bundeskanzler nicht mehr genau, wo er getafelt hat. In seinem Tagesreport heißt es nämlich, er sei in Hartleitdorf gewesen.

Ein Problem hatte Leopold Figl mit seinen Parteifreunden in Vorarlberg wegen der Behandlung der Nationalsozialisten.

arnulf.haefele@vorarlbergernachrichten.at
Arnulf Häfele ist Historiker und Jurist.
Er war langjähriges Mitglied des Vorarlberger Landtags.