Entnazifizierung war ein Erfolg

Spezial / 07.05.2015 • 18:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Er war Vorarlbergs ranghöchster Nazi: Anton Plankensteiner. Er wurde 1948 zu elf Jahren Haft verurteilt.  Stadtarchiv Dornbirn  
Er war Vorarlbergs ranghöchster Nazi: Anton Plankensteiner. Er wurde 1948 zu elf Jahren Haft verurteilt. Stadtarchiv Dornbirn  

Bei der Umsetzung der Entnazifizierung stieß der Staat auf Schwierigkeiten.

Schwarzach. Die Beseitigung des Nationalsozialismus war ein Kriegsziel der Alliierten. „Um die Nazis loszuwerden, ging man nach der Befreiung zwei Wege“, informiert der Zeithistoriker Wolfgang Weber.

Einerseits seien Nationalsozialisten verpflichtet worden, sich selbst anzuzeigen. Sie mussten sich registrieren lassen, beziehungsweise auf dem Gemeindeamt in eine öffentlich einsehbare Liste eintragen und ihre persönlichen Daten und Parteimitgliedschaft angeben. Wer dies nicht tat, wurde bestraft. „Das Ziel war, alle Nazis namentlich zu erfassen. Im Hinblick auf Registrierung und Namhaftmachung aller Parteimitglieder war die Entnazifizierung ein Erfolg“, sagt Weber. Insgesamt wurden auf diese Weise österreichweit 536.000 Nazis ausgemacht, 20.000 waren es in Vorarlberg. Andererseits wurden Gerichte eingerichtet, um diejenigen Nazis zu verurteilen und zu bestrafen, die sich persönlich schuldig gemacht hatten. Laut Weber kam es von 1945 bis 1955 in Österreich zu 136.000 Gerichtsverfahren gegen Nationalsozialisten. „13.600 Schuldsprüche wurden gefällt, 30 Personen sogar hingerichtet.“

Nazis entfernen

Bei der Umsetzung der Entnazifizierung stießen die Behörden aber auf Schwierigkeiten. Das Verbotsgesetz und
das Wirtschaftssäuberungsgesetz sahen vor, Nazis aus einflussreichen Positionen in der Verwaltung, im Schulwesen und in der Wirtschaft zu entfernen. Das scheiterte in der Praxis, denn: „Der Staat hatte in zentralen Bereichen wie Recht, Medizin und Schulen einfach zu wenig Personal, um die Nazis ersetzen zu können.“ Eklatant war das vor allem in den Bereichen Medizin und Bildung. „Wenn man die Paragrafen des Gesetzes angewandt hätte, dann hätte es in Vorarlberg im Sommer 1945 nahezu keine medizinische Versorgung gegeben, weil das Gesetz vorsah, dass belastete und minderbelastete Ärzte nicht praktizieren dürfen. Das hätte in Vorarlberg 49 Prozent aller Ärzte betroffen“, informiert der Historiker. Auch 63 Prozent aller Pflichtschullehrer seien als NSDAP-Mitglieder registriert gewesen. „Dann hätte man sehr viele Schulen zusperren müssen.“

Der Staat musste sich etwas einfallen lassen. Das Amnestiegesetz von 1948 befreite die minderbelasteten Nationalsozialisten, also jene, die nur einfaches Parteimitglied waren und sich keine persönliche Schuld zukommen hatten lassen, von den Sühnefolgen. „Ab da durften sie wieder wählen und ihrem Beruf nachgehen“, berichtet Weber. 1957 wurden auch die belasteten Nazis, in Vorarlberg waren es etwa 1200, amnestiert und in die demokratische Gesellschaft hereingeholt.

Aus der Sicht des Historikers war die Entnazifizierung ein Erfolg: „Jene, die sich schuldig gemacht hatten, wurden bestraft.“ So unter anderem der hochrangigste Nazi Vorarlbergs, Anton Plankensteiner. Er war von 1930 bis 1940 Chef der NSDAP Vorarlberg. „Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland wurde er Kreisleiter der NSDAP und Landeshauptmann von Vorarlberg. Damit war er der höchste Politiker und der höchste Parteifunktionär des Landes“, informiert der Historiker. Nach dem Krieg versteckte sich Plankensteiner im Bregenzerwald, konnte dort aber von den Franzosen aufgegriffen werden. „Man steckte ihn in ein Anhaltelager in Brederis, wo mehr als 300 Nazis eingesperrt waren. 1948 wurde er nach dem Kriegsverbrechergesetz zu elf Jahren Gefängnis verurteilt.“ Laut Weber kam Plankensteiner aber schon 1950 wieder frei. „Er bekam danach sogar noch einen Job. Ein Dornbirner Unternehmen stellte ihn an.“    

Freilich: Manchmal wurde ein Kriegsverbrecher übersehen, wie etwa der Schwarzacher Gendarmeriekommandant Alfred Lusser. Dieser ermordete in Polen mehrere Juden, darunter ein fünfjähriges Kind. „Er wurde erst 1967 zur Verantwortung gezogen. Das Landesgericht Graz sprach ihn des sechsfachen Mordes schuldig und verurteilte ihn zu sieben Jahren Haft.“