Streichquartette auf dem Prüfstand

Kultur / 07.05.2015 • 19:58 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das „Belcea Quartet“: Hier gibt eine starke Frau als Primaria den Ton an. Foto: JU  
Das „Belcea Quartet“: Hier gibt eine starke Frau als Primaria den Ton an. Foto: JU  

Bei der Schubertiade matchten sich intern „Jerusalem“ und „Belcea“.

HOHENEMS. Die Schubertiade ist neben der Pflege des Liedes seit Jahren auch zum Treffpunkt international führender Streichquartette geworden. Dazu gehören in der mittleren Generation das israelische Jerusalem- und das britische Belcea-Quartet, zwei prominente Ensembles, die hier innert 24 Stunden in ihrer Qualität und weiteren speziellen Entwicklungen in Klang, Ausdruck oder Stilfragen zu vergleichen waren. „Leidenschaft, Präzision, Wärme“ werden dem 1994 gegründeten Jerusalem Quartet nachgesagt, das 1998 auf Schloss Achberg debütierte. Dennoch ist der erste Eindruck nicht eben überzeugend.

Die vier Herren nehmen Mozarts berühmtes G-Dur-Quartett etwas schwerfällig, mit akademisch wirkenden Akzentuierungen und viel Vibrato, wo eigentlich elegante Leichtigkeit und Transparenz angebracht wären. Entsprechend matt der erste Applaus. Doch dann scheinen die „Jerusalems“ wie ausgewechselt. Janáceks autobiografisches letztes Quartett „Intime Briefe“ (1928) inspiriert sie zu einer expressiv durchgestylten Version dieses glutvollen Liebesbekenntnisses an die 38 Jahre jüngere Geliebte. Sehnsucht und Liebespein sind in Dramatik und glutvoll amouröse Kantilenen der Viola gekleidet. Die Musiker spielen nun nicht mehr auf Sicherheit, sondern risikoreich, betonen die dissonanten Schärfen dieses aufwühlenden Stücks neuerer Musik inmitten der Schubertiade-Idylle. Die Zuhörer sind begeistert! Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ ist dann so heutig, wie hier zu erwarten.

Das Thema des zweiten Satzes klanglich matt und vibratolos fahl, in der letzten Variation steigern sich die vier Musiker, voran der Cellist, zu fast apokalyptischer Intensität. Der Schlusssatz ist, unter Vorantritt ihres fabelhaften ersten Geigers Alexander Pavlovsky, ein bis an die Grenzen ausgereizter Parforceritt im Wettlauf mit dem Schicksal. Der Jubel ist groß.

Eine starke Frau

Tags darauf das britische Belcea Quartet. Hier gibt eine starke Frau als Primaria den Ton an, Corina Belcea. Beethoven macht den Beginn, überraschenderweise mit einem Steichtrio, für das es Spezialensembles gäbe. Doch es ist jenes Werk, mit dem der Komponist endgültig zur Form des Streichquartetts gefunden hat. Dass das Werk in idealer Abstimmung und musikalischer Feinarbeit gelingt, braucht nach dem international beachteten Beethoven-Streichquartettzyklus der „Belceas“ in den letzten Jahren nicht eigens betont zu werden.

Wie tags zuvor wird auch hier ein Klassiker des 20. Jahrhunderts ins Zentrum gestellt und zugleich mit dem berühmten letzten Streichquartett Nr. 3 von Benjamin Britten einem Landsmann die Reverenz erwiesen. Das Werk ist dicht mit seiner Oper „Der Tod in Venedig“ verbunden. Zentrum der symmetrischen Satzanlage ist ein Mittelteil, in dem die Musik in einem sphärischen Klangzauber wie in Superzeitlupe zu erstarren scheint. Corina Belcea wird hier den extrem ausgereizten Soli mit Reinheit gerecht, das Ensemble, das sich in den letzten Jahren auch mit neuester Musik profilierte, ist in höchstem Maße authentisch. Beim letzten Streichquartett von Brahms wird einem im direkten Vergleich auch bewusst, dass die „Belceas“ wesentlich wärmer, runder, weicher klingen als die Kollegen zuvor, ohne dass dadurch die Klarheit ihrer Linienführung unschärfer würde. In vorbildlichem Legatospiel bringen sie Brahms in satten, dunklen Farben zum Leuchten, wie Lieder ohne Worte, die sich zu blühender Schönheit aufschwingen.

Hörfunk, Jerusalem Quartet: 15. Mai,19.30 Uhr Ö1. Schubertiade heute: Yaara Tal & Andreas Groethuysen, 16 Uhr, Mark Padmore, 20 Uhr