Die weibliche Seite der Volkspartei

Vorarlberg / 08.05.2015 • 19:49 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Martina Rüscher (links) und Monika Vonier sind seit Herbst 2014 für die ÖVP im Landtag. Foto: VN/Stiplovsek
Martina Rüscher (links) und Monika Vonier sind seit Herbst 2014 für die ÖVP im Landtag. Foto: VN/Stiplovsek

Quote, Hymne, Binnen-I, Homo-Ehe. Martina Rüscher und Monika Vonier über ihre ÖVP.

RANKWEIL. Die 16 Landtagsabgeordneten werden natürlich dabei sein: elf Männer, fünf Frauen. Ebenso die Präsidenten von Bauern-, Arbeitnehmer- und Seniorenbund (drei Männer), der Wirtschaftskammer (ein Mann) und der Frauenbewegung (eine Frau). Und nicht zu vergessen: Landeshauptmann, Klubobmann, Landtagspräsident – alles Männer. Die männerdominierte Volkspartei lädt heute, Samstag, zum Landesparteitag nach Rankweil. Teil der weiblichen Minderheit sind Martina Rüscher und Monika Vonier – beide seit Herbst ÖVP-Landtagsabgeordnete. Rüscher ist zudem die neue Vorsitzende der ÖVP-Frauen. Das Duo hat sich zur Aufgabe gemacht, den Frauen in der Partei eine Stimme zu geben. Mit Erfolg, wie sie selber sagen. Wie erfolgreich, wird der Parteitag zeigen, wenn über den Antrag abgestimmt wird, bei der Listenerstellung zukünftig auf Frauen Rücksicht zu nehmen.

Binnen-I und Hymne

Heimat bist du großer Töchter und Söhne. Die neue Bundeshymne war und ist ein Reizthema, auch ÖVP-intern. Sowohl Monika Vonier als auch Martina Rüscher singen „natürlich die neue Version“. Allerdings fügt Rüscher an: „Wäre es bei den Söhnen geblieben, würde ich mich auch nicht ausgeschlossen fühlen.“ Dass bei vermeintlichen Kleinigkeiten wie Hymnentext oder Binnen-I die Wogen hochgehen, es bei grundlegenden Fragen aber ruhig bleibt, haben auch die beiden Frauen bemerkt. „Da können eben alle mitreden, weil jeder betroffen ist. Den Equal-Pay-Day gibt es, trotzdem reden nicht viele darüber“, stellt Vonier fest. Für Rüscher ist das aber nicht weiter schlimm: „Ich finde die Zuspitzung gut, weil über Frauenthemen gesprochen wird. Es sollte aber sachlich bleiben.“

Die Volkspartei gilt als träge und zu sehr der Vergangenheit verhaftet. Oder? „Wir haben offene Diskussionen und sind eine aufgeschlossene Partei“, entgegnet Rüscher. Außerdem sei Trägheit gar nicht schlecht. „Mir geht es manchmal auch zu langsam, aber in der Regel braucht eine qualitätsvolle Entscheidung eben seine Zeit.“ Für Vonier ist sowieso klar: „Auch Partizipation kostet Zeit, alle dürfen mitreden. Und die andere vermeintliche Schwäche ist ebenfalls eine Stärke. Denn Besinnung auf die Grundwerte bringt Stabilität und Kontinuität. Es bedeutet nicht, dass wir keine Konzepte für die Zukunft haben.“

Die Zukunft ist bekanntlich die Jugend. Und genau diese hat der ÖVP bei der vergangenen Landtagswahl ihre Zustimmung versagt. „Das liegt am Image“, ist sich Martina Rüscher sicher. Der einzige Weg, dies zu ändern, sei es, vernünftige Arbeit abzuliefern. Aber eines sei auch klar: „Die ÖVP muss sich weiter öffnen, damit sie zeitgemäß bleibt.“

Die beiden Frauen tun dies bereits. Zum Beispiel in der Frage, ob Homosexuelle heiraten dürfen. Fast gleichzeitig antworten sie: „Ja.“ Und Kinder adoptieren? Auch hier ist sich Rüscher sicher: „Ja. Warum nicht, wenn sie das Kind lieben?“ Vonier kann sich zu keiner eindeutigen Antwort durchringen: „Es ist eine Frage der Relevanz. Von wie vielen Fällen reden wir?“ Und wie sieht’s mit der gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen aus? Rüscher: „Ich weiß, ich stelle mich gegen die Bundesparteilinie, aber ich sehe die frühe Trennung kritisch.“ Ihre Kollegin möchte sich nicht festlegen: „Ich will erst einmal die Interpretation der großen Studie abwarten, die das Land in Auftrag gegeben hat.“

Quote und Reißverschluss

Eine Einstellung, die parteiintern nicht mehrheitsfähig ist; keinem klassischen Rollenbild entsprechend – für Frauen wie Martina Rüscher und Monika Vonier muss es schwer sein, in der Volkspartei Fuß zu fassen. „Stimmt gar nicht“, entgegnet Rüscher. „Die Partei weiß, wie wichtig die Ausgewogenheit ist.“ Vonier pflichtet ihr bei: „Ich fühle mich sehr wohl, werde akzeptiert und respektiert. Nur bei der Listenerstellung wird’s schwer.“ Für die ÖVP-Frauen Grund genug, beim Landesparteitag einen Antrag einzubringen, bei Listen Frauen künftig besser zu berücksichtigen. Jedenfalls soll eine Arbeitsgruppe ein solches System erarbeiten. Ein Reißverschlusssystem wird zwar nicht explizit gefordert, aber Rüscher hält ein solches für sinnvoll: „Auf Landes- oder Bundesebene will ich mich schon daran orientieren.“ Im Juni steht die erste Verhandlungsrunde an. Wichtig sei zwar, die Freiwilligkeit zu wahren und den Wählerwillen zu respektieren – was über Vorzugsstimmen funktionieren soll – „Freiwilligkeit alleine rettet uns aber nicht“, sagt Rüscher bestimmt.

Klingt das etwa nach Quote? „Da schrecken immer alle auf, aber nur so kommen genug Frauen in Führungspositionen“, lässt Rüscher aufhorchen. „Also ja.“ Zwar nur bei landesnahen Betrieben und nicht in der Privatwirtschaft, fügt Vonier hinzu. Aber dass bei VKW oder Hypobank noch keine Frau drinnen sitzt, müsse sich ändern. Das ist schon im engsten Einflussbereich nicht einfach. Stichwort: Landtagspräsidentin. Für Rüscher kein schönes Erlebnis: „Das mit Gabi Nussbaumer hat uns allen leidgetan. Die öffentliche Empörung zeigte aber, dass die Bevölkerung so etwas nicht mehr einfach hinnimmt.“

Frauen an die Macht! Auch im Land? Wann erleben wir denn die erste Landeshauptfrau in Vorarlberg? Beide lachen. Rüscher: „Wenn’s jemanden gibt, der es macht. Aber ich glaube, unser Landeshauptmann macht die Sache gut.“ Vonier: „Und er ist ja noch jung, er bleibt noch eine Weile.“

Die ÖVP muss sich weiter öffnen, um zeitgemäß zu bleiben.

Martina Rüscher

Den Equal-Pay-Day gibt es. Trotzdem reden nicht viele darüber.

Monika Vonier

Zur Person

Martina Rüscher

geboren am 25. Juli 1972, lebt in Andelsbuch, verheiratet, drei Kinder. Leitet eine Kommunikationsagentur.

Monika Vonier

geboren am 15. September 1980, lebt in Schruns, verheiratet, selbstständige Unternehmensberaterin.