Große Weltreise mit kleiner Bahn

Kultur / 08.05.2015 • 20:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Beit Hanina in Ost-Jerusalem.  
Beit Hanina in Ost-Jerusalem.  

Das Ziel heißt Menschlichkeit, der Weg ist eine Geschichte von Macht und Politik.

Christa Dietrich

Hohenems. Schon mit der umfangreichen Ausstellung „Die ersten Europäer“ hat Direktor Hanno Loewy einen Einblick in die reichhaltigen Beziehungen von in verschiedenen Ländern lebenden Juden gewährt. Die Geschichte zog sich über mehrere Jahrhunderte und richtete den Fokus auf einen gemeinsamen Nenner. Das Projekt „Endstation Sehnsucht“, das  an diesem Sonntag im Jüdischen Museum in Hohenems eröffnet wird, bezieht sich auf einen geographisch eng begrenzten Ort, erfasst aber mehr oder weniger alle Facetten des Zusammen- bzw. Auseinanderlebens, beginnend in der Antike bis herauf zur Gegenwart. Seit wenigen Jahren verbindet eine Straßenbahn den Westen Jerusalems mit jüdischen Siedlungen im palästinensischen Ortsteil der Stadt. Die israelische Künstlerin Galia Gur Zeev hat die Umgebung jeder der Stationen erkundet und, wie Hanno Loewy erläutert, Orte fotografiert, an denen sich unterschiedliche historische und gegenwärtige religiöse und nationale Deutungen aneinander reiben. Das Ergebnis, zusammengefasst und ergänzt mit Objekten wie einem von einem Flüchtenden bewahrten Holzsplitter aus einer Zeder, die der Österreicher Theodor Herzl, Wegbereiter eines jüdischen Staates, pflanzte, richtet den Blick auf politische Konflikte und zugleich auf den Wunsch vieler Menschen nach Normalität.

Assoziationsfelder

Bereits der Herzlberg, an dessen Westseite sich Yad Vashem, die Gedenkstätte für den nationalsozialistischen Massenmord befindet, bietet ein breites Assoziationsfeld. Die Besiedelung Palästinas durch die vom europäischen Antisemitismus betroffenen Juden fand nicht nur bei den Arabern Gegner, sondern auch bei den Briten. 1947 beschlossen die Vereinten Nationen die Teilung Palästinas in ein jüdisches und ein arabisches Gebiet, Jerusalem sollte einen internationalen Status erhalten. Schon in den Wochen um die israelische Staatsgründung kam es zu Kampfhandlungen zwischen arabischen Armeen und radikalen jüdischen Gruppen. Der internationale Status von Jerusalem blieb Utopie. Loewy: „Es gibt kein Konzept für eine ausgeführte Internationalisierung, aber sie wäre eine Befreiung von der Last, die sich aufgrund der Ansprüche von Gläubigen verschiedener Konfessionen ergibt.“ Nicht als verbindendes Element, sondern, wie die Ausstellung deutlich macht, als Chiffre, die eine für Außenstehende schwer fassbare Gegnerschaft heraufbeschwört, steht die Brücke zwischen dem Stadtviertel Kiryat Moshe und dem zentralen Busbahnhof. Der spanische Architekt Santiago Calatrava hat sie als eine Art Harfe geplant und spielt damit auf König David an, dessen Name, der für verschiedene Einrichtungen Verwendung findet, angeblich ein zentrales Jerusalem-Bild verdrängt, nämlich den Felsendom auf dem Tempelberg. Dem Ort, der den monotheistischen Religionen als Schauplatz vieler Überlieferungen gilt, widmet die Fotografin hinsichtlich irrationaler Handlungen besondere Beobachtung. Abgesehen davon, dass zehn von elf Toren nur von Muslimen passiert werden dürfen, ist die Westmauer unterhalb des Berges Ort der Auseinandersetzung um die Rolle der Frau. Dass sich Jüdinnen dort zum Gebet treffen und aus der Tora lesen, ist den Ultraorthodoxen ein Dorn im Auge. Mit Lautsprechern wird versucht, die Frauen einzuschüchtern. Entscheidungen des Gerichts hat es bedurft, um klarzustellen, dass es allen gestattet ist, zu beten wie sie wollen.

Geradezu skurril mutet die Auseinandersetzung zwischen christlichen Kirchen bezüglich der Benutzungsregeln der Grabeskirche an. Zu den Ansprüchen der Bewohner Jerusalems kommen auch jene der Pilger. Eine kleine Bahn vermittelt somit eine aufschlussreiche (Welt-)Reise durch Weltanschauungen. Die Überbrückung steht noch aus.

Die Bedeutung, die Jerusalem von Gläubigen beigemessen wird, ist gleichzeitig eine große Last.

Hanno Loewy
Beit Hanina, arabisches Stadtviertel.  Fotos: Galia Gur Zeev  
Beit Hanina, arabisches Stadtviertel. Fotos: Galia Gur Zeev  
Flüchtlingslager Shuafat.  
Flüchtlingslager Shuafat.  
Die Straßenbahnlinie ist gesäumt von Konflikt-Orten.
Die Straßenbahnlinie ist gesäumt von Konflikt-Orten.
Im Viertel Scheich Dscharrah.  
Im Viertel Scheich Dscharrah.  
Blick vom Dachgarten des Österreich-Hospiz.  
Blick vom Dachgarten des Österreich-Hospiz.  
David-Museum in der Zitadelle.  
David-Museum in der Zitadelle.  
Gedenkstätte Yad Vashem.  
Gedenkstätte Yad Vashem.  
Frauen an der Kotel.  
Frauen an der Kotel.  
Grabeskirche in Jerusalem.  
Grabeskirche in Jerusalem.  

Eröffnung, 10. Mai, 11 Uhr, im Sulzer Saal, zu sehen bis 14. Februar 2016 im Jüdischen Museum Hohenems.