Vom Keller in den Splittergraben

Vorarlberg / 08.05.2015 • 20:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Durch das Bombardement am 1. Mai 1945 wurden in Bregenz 72 Gebäude zerstört. STADTARCHIV BREGENZ  
Durch das Bombardement am 1. Mai 1945 wurden in Bregenz 72 Gebäude zerstört. STADTARCHIV BREGENZ  

Die Jörgs gehörten zu den „Abbrändlern“, nachdem ihr Zuhause zerstört wurde.

Heidi Rinke-Jarosch

kennelbach, bregenz. Als Elfjähriger erlebte Adalbert Jörg, wie Granaten und Bomben sein Zuhause im Zentrum von Bregenz verwüsteten.

Als Adalbert zu Weihnachten 1934 zur Welt kam, wohnte die Familie Jörg im Gebäude der Feuerversicherung an der Bahnhofstraße. 1940 sei der Vater unter dubiosen Umständen gestorben. Adalbert Jörg äußert Euthanasieverdacht, „denn meine Eltern verhielten sich nicht regimegetreu.“ Nach dem Tod des Vaters musste die Mutter mit mittlerweile drei kleinen Kindern im Alter von neun, sechs (Adalbert) und einem Jahr aus dem Versicherungsgebäude ausziehen. Mit Mühe fand sie schließlich eine Bleibe in dem Mehrparteienhaus in der Kaspar-Hagen-Straße 3.

1945 besuchte der fast elfjährige Adalbert die Knabenvolksschule Belruptstraße. Dort habe noch Zucht und Ordnung geherrscht. Der Hitlergruß wurde regelmäßig geübt: „Manchmal habe ich die linke Hand ausgestreckt – aber nur, wenn ich in der dritten Reihe stand.“ Und Lehrer bestraften durch „Tatzen“. Die Schläge mit dem Rohrstock auf die Handflächen schmerzten empfindlich.

Am Abend des 29. April 1945 erreichten französische Truppen die Grenzstationen Hohenweiler und Unterhochsteg und wollten noch bis Bregenz vordringen. Wegen der Lazarette galt Bregenz als „Freie Stadt“, es wurde also kein Widerstand erwartet. Doch bei der Klause stießen die Franzosen auf Sperren, errichtet von abziehenden Wehrmacht- und SS-Soldaten. Nachdem auf mehrere Ultimaten des französischen Oberkommandos, die Sperren zu entfernen, nicht reagiert wurde, kam es am Morgen des 1. Mai zuerst zum Artillerieangriff auf Bregenz und ab 10 Uhr zur Bombardierung aus der Luft.

Riesenloch in der Wand

„Wir harrten mit anderen Hausbewohnern bereits seit Tagen in unserem Keller aus“, erinnert sich Adalbert Jörg. „Als Mama, meine Schwester und ich einmal in unsere Wohnung gingen, um uns ein wenig hinzulegen – in einem Zimmer hatten wir ein Matratzenlager – gab es plötzlich einen lauten Knall. Wir wurden vom Boden hochgeschleudert.“ In der Küche war eine Granate eingeschlagen. In der Wand klaffte ein Riesenloch. „Sehr schnell waren wir wieder im Keller.“ Dann fielen Brandbomben, und auch im Keller wurde es zu gefährlich. „Mama ging noch in die Wohnung, um ein paar Sachen zu holen.“ Adalbert, der unten an der Haustüre wartete, sah, wie die Holztreppe Feuer fing. Er rannte hinauf und warnte die Mutter. „Wir schafften es noch aus dem Haus, bevor die Stiege zusammenbrach.“

Die Familie suchte, wie viele andere Bewohner des zerbombten Zentrums, Zuflucht im Splittergraben Ecke Weiherstraße/Montfortstraße. „Mama und ein Mann wurden ohnmächtig“, schildert Adalbert Jörg. „Jemand schrie ‚Wasser‘, und ich rannte zu einem Brunnen. Da schlug vor mir eine Bombe ein. Sie detonierte nicht, aber gelbgrüner Schaum entwich.“ Als dann aus Tieffliegern mit Bordwaffen geschossen wurde, rannte der Bub in den Graben zurück – mit Wasser.

Während die Franzosen in Bregenz insgesamt 72 Häuser in Schutt und Asche bombten, kauerten deren Bewohner im Splittergraben. Plötzlich tauchten die Besatzer auf: „Da stand ein dunkelhäutiger Marokkaner vor mir und richtete seine MP auf mich“, erzählt Adalbert. „In meiner Angst reichte ich ihm eine Schachtel Zündhölzer. Er nahm sie, bedankte sich und ging weiter.“

Das Bombardement war vorbei, die Franzosen marmarschierten durch die Stadt, und Frau Jörg machte sich auf Quartiersuche. Sie hoffte, im Marienberg-Stollen unterzukommen, wo auch schon andere „Abbrändler“ – so wurden die Jörgs und anderen Familien genannt, die alles verloren haben – unterkamen. Auf dem Weg dorthin traf sie Kaplan Kaulfuß von der Pfarre St. Gallus. Der freundliche Mann bot ihr ein Dachzimmer im Kaplanhaus an. Dort habe es zwar keine Heizung, keine Betten, auch keine Kochstelle gegeben, „aber wir hatten ein Dach überm Kopf“.

In meiner Angst reichte ich dem Soldaten eine Schachtel Zündhölzer.

Adalbert Jörg
   
   

Zur Person

Adalbert Jörg

Geboren: 25. Dezember 1934
Wohnort: Kennelbach
Laufbahn: Zollamtsdirektor, Regierungsrat
Familie: Witwer, 1 Sohn, 1 Tochter,
4 Enkelkinder

Quelle Hintergrund-Infos: „Nationalsozialismus in Vorarlberg“, Meinrad Pichler, StudienVerlag und erinnern.at