Von Bären, Menschen und der Ordnung in den Bildern

Kultur / 08.05.2015 • 19:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Übermalen bestehender Bilder ist bei Helfer eine durchaus gängige Praxis.  Fotos: ag  
Das Übermalen bestehender Bilder ist bei Helfer eine durchaus gängige Praxis. Fotos: ag  

In der Galerie Hollenstein ist neue Malerei von Lorenz Helfer zu sehen.

LUSTENAU. (VN-ag) Fast überfallsartig haben sich die Figuren ins Atelier und in die neuen Bilder von Lorenz Helfer gedrängt. „Gestalten“ nennt der Vorarlberger Maler die sich streitenden und liebenden Geister, die er nicht gerufen hat und denen er doch nicht ausgekommen ist, und die nun seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Hollenstein ihr Gesicht verleihen.

Mögen sie sich?

Wenn es wirklich so war, wie es der kleine Text von Lorenz Helfer als Teil der Ausstellung schildert, dann haben sich die Gestalten, die sich in seinen Gedanken und auf der Leinwand festgesetzt haben, selbst gemalt. „Das ist kein Umgang“ konstatiert der Titel der Schau nüchtern. Aber die Kunst hat ja bekanntlich ihre eigene Wahrheit, und was immer auch im Atelier geschehen ist: Die neuen Arbeiten des Malers zeichnen sich durch eine große Selbstverständlichkeit und Eigenständigkeit aus. Zuletzt, im vergangenen Jahr, im Göfner milK_ressort noch mit Kugelschreiberzeichnungen und dem flirrenden Licht im brasilianischen Urwald befasst, widmet sich der Künstler aktuell der Figur. Nicht als anatomisch korrekte Darstellung von Körpern, sondern als Aufzeichnen von Bewegung, Tiefe und Interaktion. „Ich mag es, wenn zwei Figuren im Bild sind, sich berühren“, sagt Lorenz Helfer. „Daraus entsteht sofort eine Geschichte. Man fragt sich: Mögen sie sich oder nicht?“ Das ist tatsächlich die große Frage, denn in der bislang umfangreichsten Präsentation Helfers bleibt das Geschehen im Unklaren. Tanz oder Kampf, zärtliche Geste oder Aggression, Geburt oder Tod, Mensch oder Bär? Das mag auch daher rühren, dass die Gemälde zuweilen mehr Leben als die sprichwörtliche Katze haben. Malen heißt für Lorenz Helfer immer auch ein bisschen Ordnung schaffen. Konkret: „Aufräumen“ – wie eine etwas ältere Arbeit, ein Schlüsselbild, mit einer Grünpflanze und einem blauen, schwingenden Rock in einer Art Ateliersszene, fast programmatisch für Werk und Arbeitsweise des Künstlers titelt.

Herz und Bauch

Denn das Übermalen bestehender Bilder ist bei Helfer eine durchaus gängige Praxis. Dabei wird nicht flächendeckend zugemalt, sondern selektiv, mit scheinbar lockerem Pinselschwung und unter gelegentlichem Einsatz von Farbspraydosen. Diese kleinen Zufälligkeiten, aus Zeit und Raum gefallene Relikte aus früheren Serien, wie ein vorwitziger Damenschuh, eine Hand an der nicht ganz richtigen Stelle, der Krug eines Henkels oder ein blau durchblitzender Hintergrund, und ihr reiches Vorleben scheinen die Gemälde von Lorenz Helfer förmlich atmen zu lassen. Unmittelbar und lebendig, ohne vorbereitende Skizzen, entstehen die Bilder während des Malens. Lorenz Helfer malt aus dem Schauen und aus der Erinnerung, aus dem Herz und aus dem Bauch heraus. Geprägt von den Orten seiner Reisen und Aufenthalte, vom Licht, sind die häufig an Faltenwürfen durchexerzierten Untersuchungen zur Stofflichkeit der vergangenen Jahre einem neuen Umgang mit der (Ober-)Fläche gewichen. Wohlgeordnet und ein wilder Reigen zugleich, begegnen sich in dieser überzeichneten und doch so realen Welt Menschliches und Tierisches, ein sitzen gebliebener Engel im roten Kleid, verzerrte Stühle und bizarre Landschaften.

Lorenz Helfer malt aus der Erinnerung.
Lorenz Helfer malt aus der Erinnerung.

Zur Person

Lorenz Helfer

Geboren: 1984 in Hohenems

Ausbildung: Universität für Angewandte Kunst in Wien (Klasse Wolfgang Herzig, Johanna Kandl)

Ausstellungen: u.a. in Bregenz, Innsbruck und Wien

Auszeichnungen: Stipendium der Emanuel und Sofie Fohn Stiftung

Wohnort: Wien

Die Ausstellung ist in der Galerie Hollenstein in Lustenau bis 7.Juni geöffnet, 10. Mai um 10.30 Uhr: Dialogführung mit Lorenz Helfer.