Zeuge des Massenmords

Kultur / 08.05.2015 • 18:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Rudolf Vrba war zwei Jahre in der Hölle von Auschwitz und konnte fliehen.

Sachbuch. Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, wurde Auschwitz befreit, die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands wurden weltweit bekannt. Die Alliierten allerdings konnten nicht guten Gewissens sagen, sie hätten nichts gewusst. Jüdische und polnische Untergrundkämpfer, darunter Auschwitz-Häftlinge, hatten unter Einsatz ihres Lebens versucht, die Welt zu informieren und zur Rettung der Millionen europäischer Juden vor dem Massenmord aufzurufen – vergeblich. Zu unvorstellbar, zu unglaublich erschien denen, die die Berichte zu sehen bekamen, was in Auschwitz und anderswo geschah.

Der slowakische Jude Rudolf Vrba (1924–2006) war einer der Männer, die sich dem Lager-Untergrund anschlossen, Beweise für die Nazi-Verbrechen sammelten, Zeugnis ablegten. Nun ist seine Autobiografie „Ich kann nicht vergeben“ in einer Sonderauflage wieder erschienen, ein Bericht, der die Brutalität der Mörder und das Schweigen der Welt anklagt und unbeugsamen Widerstandsgeist dokumentiert.

Es ist auch die Geschichte eines brutalen Erwachsenwerdens. Vrba scheint mitunter zu staunen über den Optimismus seines 17-jährigen Ichs, der aus der slowakischen Heimat nach Ungarn zu entkommen versuchte, um sich den alliierten Truppen anzuschließen. Die Flucht scheiterte.

Ein Denkmal

Was es mit der vermeintlichen Umsiedlung in Arbeitslager auf sich hatte, lernte er schon in Majdanek, wo er bei der Beseitigung der Leichen helfen musste. Wie groß das Ausmaß der Vernichtung war, ahnte er bei der Arbeit, wo die Besitztümer der aus ganz Europa deportierten Juden sortiert wurden. Vrba wollte nun nicht nur die eigene Freiheit wiedererlangen, er wollte weitere Morde verhindern. Wenn jene, denen die Deportation noch bevorstand, die Wahrheit erfuhren, würden sie nicht in die Züge steigen, so hoffte er. Sein Erlebnisbericht setzt den Ermordeten ein Denkmal. Ohne Heldenlyrik, mitunter mit selbstironischen Tönen bringt Vrba Lageralltag und Terrorregime dem Leser nahe.

Rudolf Vrba: „Ich kann nicht vergeben. Meine Flucht aus Auschwitz“, Schöffling & Co Verlag, 528 Seiten.