Wenn der ruhige Rhein zur reißenden Bestie wird

Vorarlberg / 10.05.2015 • 19:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Rheinbauleiter Dieter Vondrak kennt den Fluss.  Foto: Stiplovsek
Rheinbauleiter Dieter Vondrak kennt den Fluss.  Foto: Stiplovsek

Worst-Case-Überflutung des Grenzflusses hätte katastrophale Folgen fürs Rheintal.

Lustenau. Das Szenario ist in der Tat erschreckend. Lang andauernde Intensivniederschläge im gesamten Einzugsgebiets des Rheins haben alle Gewässerpegel bis zum Anschlag ansteigen lassen. Es tritt Wasser über die Ufer und oberhalb von Koblach, in Richtung Feldkirch, passiert das Unfassbare: Der äußere Rheindamm, der Hochwasserschutzdamm, hält der Wassermenge mit 5800 Kubikmetern pro Sekunde nicht mehr stand und bricht auf einer Länge von über einem Kilometer. Das Wasser schießt mit einem Ausfluss von 3300 Kubikmetern pro Sekunde Richtung Norden. Beim Kummenberg kommt es zu einem Aufstau. Es fließt viel Wasser wieder zurück in den Rhein, der Rest wälzt sich auf österreichischer Seite durchs Rheintal und überschwemmt große Teile des Tals bis zur Bodenseemündung. Metertief stünden alle Kommunen am Rhein unter Wasser. Am schlimmsten ist die Situation bei Koblach. Dort wird das Umland bis zu sieben Meter überschwemmt – ein geradezu apokalyptisches Szenario.

Rheinbauleiter Dieter Vondrak (43) bemüht sich rasch zu betonen: „Die Chance, dass eine solche Situation eintritt, ist denkbar gering. Es handelt sich um das Extremst-Ereignis schlechthin, viel schlimmer noch als ein 300-jähriges Hochwasser. Aber: Es ist prinzipiell denkbar.“ Das Schadenspotenzial eines brechenden Rheindamms im Extremfall ist enorm: Es würde sich allein in Vorarlberg auf rund drei Milliarden Euro belaufen, 80.000 Menschen auf der österreichischen Seite des Grenzflusses wären davon betroffen. Den wirtschaftlichen Schaden schätzen Experten im Wert auf ein Vielfaches der direkten Zerstörungen.

Durchfluss wird geringer

Der Alpenrhein ist in seinem Unterlauf von der Einmündung der Ill bis zum Bodensee deshalb nicht ungefährlich, weil die Abflusskapazität im Vergleich zum Oberlauf ständig abnimmt. Gleichzeitig wird das Umland des Flusses stetig kleiner und die Wassermenge größer. Die Abflusskapazität beträgt beim Diepoldsauer Durchstich nur noch 3100 Kubikmeter pro Sekunde. Bei höheren Abflüssen steigt daher die Gefahr eines Überströmens der Hochwasserschutzdämme, die dann bruchgefährdet sind. Ein Ziel der langfristigen RHESI-Maßnahmen besteht deswegen darin, die Durchflusskapazität auf 4300 Kubikmeter pro Sekunde zu erhöhen. Andere wichtige Maßnahmen: Die Ausweisung einer Blauzone für Notentlastung als räumliche Vorsorge, ein umfassender privater und betrieblicher Objektschutz sowie ein Katastrophenschutz mit Hochwassereinsatz- und Evakuierungsplänen. Die derzeit durchgeführten Stabilisierungsarbeiten an den gefährdeten Abschnitten des äußeren Rheindamms sind akute Sofortmaßnahmen.

Ständig unter Beobachtung

„Der Rhein“, beruhigt Rheinbauleiter Vondrak, „steht unter ständiger Beobachtung. Wir haben die Ortsfeuerwehren der Anrainergemeinden als Partner für die ständige Überwachung des Gewässers eingebunden. Sie überwachen die Rheindämme lückenlos und melden unverzüglich undichte Stellen.“ Ausgebaut wurden auch die Kommunikationskanäle zwischen den Rheinexperten auf Schweizer und österreichischer Seite. Das Bundesamt für Umwelt erstellt für den Rhein täglich mindestens eine Abflussprognose, die Vorarlberger Rheinwächter werden ständig informiert. „Und doch“, sagt Dieter Vondrak, „können wir natürlich nie ganz exakt sagen, wann genau und wie stark Niederschläge kommen.“ Die Natur birgt immer ein gewisses Restrisiko in sich. Mit hundertprozentiger Sicherheit lässt sich der Rhein nie zähmen.