Abenteuer wird zum Albtraum

Vorarlberg / 11.05.2015 • 21:31 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mit einer solchen Panzerjägereinheit zog Leo Gach in den Krieg.  DEUT. BUNDESARCHIV/WIKIMEDIA COMMONS  
Mit einer solchen Panzerjägereinheit zog Leo Gach in den Krieg. DEUT. BUNDESARCHIV/WIKIMEDIA COMMONS  

Trotz schwerer Verwundung sollte Leo Gach wieder an die Front. Es kam aber anders.

Heidi Rinke-Jarosch

bregenz. Er meldete sich 1942 freiwillig zur Luftwaffe, weil er damals als 19-Jähriger wie viele junge Burschen das „Abenteuer Krieg“ erleben wollte. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass an der Front nicht mit Leberknödeln geschossen wird.“

Aufgewachsen ist der 1923 geborene Leo Gach in Neumarkt im steirischen Murau. Die Mutter starb, als er zehn Jahre alt war. Der Vater sah keine Möglichkeit, seine Familie durchzubringen, weshalb er alle vier Kinder in die Fremde als Landwirtschaftsarbeiter schickte. Leo kam zu einer Bauernfamilie nach Rinegg. Die Gemeinde liegt zwar auch in Murau, für ihn als Kind aber fühlte sich das weit weg von zu Hause an. In der Früh habe er im Viehstall gearbeitet, danach ging er zur Schule – „wenn der Bauer mich ließ“.

Im Herbst 1942 erhielt er hocherfreut die Einberufung zum Luftfahrtkommando nach Wien. „Eine Woche wurde ich auf Herz und Nieren geprüft. Dann teilte mir der Oberst mit, ich sei für das fliegende Personal nicht geeignet.“ Worauf Leo Gach nach Hause fuhr.

Ein knappes halbes Jahr später rückte er zu den in Celje in Slowenien stationierten Panzerjägern der Deutschen Wehrmacht ein und wurde nach der Ausbildung einem Marschbataillon für die Ukraine zugeteilt. Dort begann der 20-Jährige zu begreifen, was Krieg wirklich bedeutet: Schon im ersten Ort, in Wassyliwka, musste seine Einheit kämpfen. Danach erlebte er einen nächtlichen Panzerangriff von Rotarmisten in Winnyzja. „Wir hatten nur vier Panzergeschütze. Als wir zu schießen begannen, drehten die Sowjets Richtung Stadt ab, die von deutschen Soldaten besetzt war.“ Die Deutschen hätten 60 sowjetische Panzer kassiert.

Bevor Winnyzja am 20. März 1944 von den Sowjets erobert wurde, hatte sich Leo Gachs Einheit nach Polen zurückgezogen. „Eine Zeitlang hielten wir bei Lublin die Stellung. Doch dann beschossen uns die Rotarmisten – und da hat es mich erwischt.“ Eine Granate detonierte. Sechs Splitter bohrten sich in Leo Gachs Lunge. Nach der Notversorgung im nächsten Lazarett wurde er in die polnische Stadt Zamosc transportiert. Operiert wurde nicht, „weil ich nur noch 45 Kilo wog. So lebe ich heute noch mit den Splittern im Körper.“

„Endlich im Heimatlazarett im deutschen Schwäbisch-Gmünd angekommen, wurde ich wieder aufgepäppelt.“ Die Ausmuster-Offiziere teilten ihm mit, er müsse wieder an die Front. Ein kurzer Heimaturlaub in der Steiermark wurde ihm genehmigt, dann kehrte er zu seiner Panzerjägereinheit zurück, die zu jenem Zeitpunkt im polnischen Petrikau stationiert war. Als die Sowjets nach Petrikau vordrangen, flüchteten die Panzerjäger Richtung Westen. Im Morgengrauen erreichten die Soldaten die deutsche Grenzstadt Schneidemühl.

Am 26. Januar 1945 nahmen sowjetische Truppen die Stadt unter Beschuss. Gemeinsam mit seinem steirischen Kameraden Sepp fuhr Leo Gach mit dem Zug von Schneidemühl nach Celje. „Drei Wochen waren wir unterwegs.“ Bei jedem Fliegeralarm hieß es raus aus dem Zug. In Celje kam er zur Genesungseinheit und musste nicht mehr in den Kriegseinsatz.

Marsch nach Hause

Ende April wurden Leo Gach und ein paar andere Soldaten beauftragt, einen Zugtransport zu begleiten. „Wir mussten einen Viehwaggon voll mit gestohlenen Sachen in ein Winterausbildungslager am Dachstein bringen. Da waren Geschirr, Wäsche, Schuhe – alles Plünderwaren. Wir wussten nicht, wo das alles herkam.“ Am 5. Mai ging es los. Zwei Tage später rollte der Zug in St. Michael bei Leoben ein und hielt vor der Kommandantur beim Bahnhof.

„Am 8. Mai erfuhren wir, dass Hitler tot war und Dönitz vereidigt wurde. Dann hörten wir von der Kapitulation und meldeten uns gleich in der Kommandantur.“ Der Krieg ist aus, hieß es. Die Soldaten sollen nach Hause gehen. „Jeder ging in eine andere Richtung. Ich marschierte nach Knittelfeld.“ Von dort reiste er als Trittbrettfahrer mit einem überfüllten Zug bis Unzmarkt, dann nach Schörfling. Über den Perchauer Sattel wanderte Leo Gach nach St. Marein bei Neumarkt. Von der britischen Armee – die Besatzer der Steiermark – bekam er den Entlassungsschein und kehrte heim.

So lebe ich heute noch mit den Splittern im Körper.

Leo Gach
   
   

Zur Person

Leo Gach

lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Vorarlberg, seit vier Jahren im Seniorenheim Weidach in Bregenz.

Geboren: 19. 2. 1923

Beruf: Arbeiter in Sprengstofffabrik

Familie: geschieden, 3 Kinder, 8 Enkel, 5 Urenkel