Mit Erbsen auf die Kunst schießen

Kultur / 11.05.2015 • 21:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Hierarchien sind Löhr fremd.
Hierarchien sind Löhr fremd.

In der Ausstellung des Bildhauers Raimund Löhr werden nicht nur Bubenträume wahr.

FELDKIRCH. Wie schön wäre es, noch einmal Kind zu sein. Man könnte sich in eines der Spielmobile mit den feuerroten Rädern oder auf den Dreiradtraktor samt Baggerschaufel und Anhänger setzen und losbrausen. Oder zumindest laut hupen im verlockenden Fuhrpark, der das Herzstück der Ausstellung des Bildhauers Raimund Löhr in der Villa Claudia bildet.

Aus einem Block

Die Ausstellung heißt zwar „Toys, Zeugs und Gedankenstriche“, aber gehen Kinderspielzeug und Kunst wirklich zusammen? In der Auffassung von Raimund Löhr sehr wohl. „Seine Lebensmischung darlegen“ nennt es der Lindauer Bildhauer, Maler und Zeichner mit Vorarlberger Wurzeln. Hierarchien sind dem Querdenker und sechsfachen Vater fremd, stattdessen setzt Löhr auf einen freien, spielerischen Zugang, auf Lebendigkeit, Leichtigkeit und den Moment. All das kennzeichnet sowohl seine genuinen Beiträge zur Spielkultur als auch die sensiblen Skulpturen in hohem Maße. So stecken die Hufe seines Schaukelpferds nicht in Kufen, sondern sein Pferd fliegt gleichsam durch die Luft, wie im Sprung über ein Hindernis. Simple, aber ausgeklügelte Mechanismen lassen Korken aus einer Armbrust oder Erbsen aus einem Gewehr schnellen, während die ebenfalls in der „Waffenkammer“ gezeigten Degen bei Berührung rote Pigmentspuren hinterlassen. Die abgefahrenen Reifen zeugen beim „Tri-­Trak“-Dreiradtraktor von häufigem Einsatz, während ein anderes großartiges Vehikel von einem Akkuschrauber angetrieben wird. Vieles, so erzählt Raimund Löhr, sei auch aus der (Zeit-)Not und dem, was gerade vorhanden war, entstanden. Mit einem gewissen Dilettantismus kokettierend, spricht aber auch eindeutig der Bildhauer aus massigen Karosserien, die aus einem einzigen Holzblock gefertigt wurden.

Zum Leben erwecken

Auch bei den kleinformatigen tönernen Figurinen als Raumskizzen schöpft Löhr aus dem Vollen, wenn er aus dem Tonbatzen heraus arbeitet. Angetrieben von der Idee, die Dichte des Materials zu erhalten, und beseelt von dem Wunsch, die tote Materie in etwas Lebendiges zu verwandeln, sind auch die beiden großen Holzskulpturen in der Ausstellung entstanden. Während ein Frauenkörper mit der Balance spielt, hält die über vier Meter lange, auf der Treppe platzierte liegende Figur, die ebenfalls aus einem einzigen Stamm gefertigt wurde, die Spannung des Körpers von den ausgestreckten Armen bis in die Zehenspitzen. Derweil liegt „Steinwittchen“ im Grün des Parks der Villa Claudia und eine monolithische Granitwanne nimmt ebenfalls Körperformen an.

Dass Raimund Löhr auch anders kann, beweisen seine Karikaturen. Seine „Gedankenstriche“ sind bitterböse, ironische Kommentare zum Weltgeschehen, zu Glaubensfragen und Zwischenmenschlichem. Aber sogar in diesen Blättern gehen Kunst und Leben eine Symbiose ein. Spielzeug oder Skulptur, Wohnzimmer oder Atelier? Bei Raimund Löhr passiert alles gleichzeitig und aus der gleichen spielerischen Attitüde heraus. Kunst ist nicht nur Leben, sondern manchmal auch ein Bubentraum.

Spielzeug oder Skulptur?  
Spielzeug oder Skulptur?  
Hier spricht oder „spielt“ der Bildhauer.  Fotos: AG  
Hier spricht oder „spielt“ der Bildhauer. Fotos: AG  

Zur Person

Raimund Löhr

Geboren: 1958 in Dornbirn

Ausbildung: Studium der Kunstgeschichte an der LMU und der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München

Laufbahn: einige Ausstellungen, Lehrtätigkeit

Auszeichnungen: Förderpreis der Stadt Kempten

Wohnort: Lindau

Geöffnet in der Villa Claudia, Bahnhofstraße 6, in Feldkirch, bis 7. Juni, Fr, 16 bis 18, Sa, 15 bis 18,
So, 10 bis 12 und 15 bis 18 Uhr.