Tabu Sterbehilfe

Politik / 11.05.2015 • 22:52 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Charta der Grundrechte der EU, die in Österreich der Verfassung gleichgestellt ist, bringt in Artikel eins unmissverständlich zum Ausdruck: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dazu gehört das Recht auf Freiheit. Dazu gehört das Recht auf Leben. Nicht dazu gehört die Pflicht, zu leben. Menschenwürde beinhaltet das Selbstbestimmungsrecht über das eigene Leben und damit auch über den eigenen Tod.

Die gesellschaftspolitischen Diskussionen über die Sterbehilfe zeigen immer deutlicher, wie wichtig eine öffentliche Auseinandersetzung mit diesem heiklen Thema ist. Auch und gerade in Österreich. Weder die Republik als Ganzes noch das Land Vorarlberg als Teil scheinen dazu imstande zu sein. Und das, obwohl es seit diesem Jahr mit dem jüngsten Bericht der Bioethikkommission des Bundeskanzleramts auch hierzulande eine argumentative Grundlage gibt, auf der das Thema sachlich diskutiert werden könnte. Die Mehrheit ihrer Mitglieder, zu denen Ärzte, Theologen und Philosophen zählen, hält es für „angebracht, für Angehörige und persönlich nahestehende Personen eine Straflosigkeit vorzusehen, wenn sie einer an einer unheilbaren, zum Tode führenden Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung leidenden Person beim Suizid Hilfe leisten“. Freilich müssten dabei ganz besonders auch die Beweggründe der Hilfe beachtet werden und anderes mehr.

Der erwartete moralische Entrüstungssturm vernahm sich wie ein laues Lüftlein, vielleicht deshalb, weil sich immer mehr Menschen in Österreich mit der Sterbehilfe arrangieren können: Laut einer aktuellen Studie der Medizinuniversität Graz sprechen sich 62 Prozent der Bevölkerung dafür aus, unter gewissen Voraussetzungen, die es zu diskutieren gilt. Und dennoch wird ein breiter Diskurs darüber weiterhin verhindert. So wurde das Thema zum Beispiel bei der kürzlich abgehaltenen und groß angelegten parlamentarischen Enquetekommission „Würde am Ende des Lebens“ ausgeblendet, stattdessen wurden ausnahmslos Palliativmedizin und Hospizwesen diskutiert – unbestritten immens wichtige Bereiche. Aber was die Selbstbestimmung am Ende des Lebens angeht, sind sie nur Teilbereiche.

Umso erfreulicher war kürzlich die Forderung der Vorarlberger Sozialdemokraten und Grünen, die Sterbehilfe zumindest im Land breit zu debattieren. Doch die Vorarlberger Volkspartei lässt eine solche Diskussion nicht zu, die Bundes-ÖVP hat zuletzt sogar ein verfassungsrechtliches Verbot der Tötung auf Verlangen gefordert. Diese Diskussionsverweigerung ist völlig unverständlich.

Selbst wenn am Schluss einer langen Debatte ein gesellschaftliches und politisches Nein zur Sterbehilfe stehen sollte, so gebietet es doch die Achtung vor der Würde des Menschen, das Tabuthema Sterbehilfe losgelöst von kirchlicher Einflüsterung breit zu diskutieren. Wer sich der sachlichen Debatte darüber verweigert, missachtet die Freiheit des Menschen.

Dazu gehört das Recht auf Leben. Nicht dazu gehört die Pflicht, zu leben.

andreas.feiertag@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-722