Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Dunkel war’s

Vorarlberg / 12.05.2015 • 20:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Als wär’ ich blind, rieb ich mir die Augen, bis es funkelte, und trat in den Schatten. Da stand ein Kind, das ich nicht kannte, und ich fragte es:

„Wer bist du?“

„Ich bin du“, sagte das Kind, und da wusste ich, dass ich mich in meiner Erinnerung befand.

Ich stand unter der Eiche und fror. Mein Vater und meine Geschwister hatten mich vergessen, waren weitergelaufen. Ich hatte gelogen, weshalb weiß ich nicht mehr, und so redeten sie nicht mit mir. Ich blieb zurück. Sollen sie mich suchen, dachte ich. Wenn sie weit gegangen sind, werden sie mich vermissen. Ich hörte das Rufen meiner Schwester. Ich hörte das Rufen meines Bruders und meines Vaters. Ich duckte mich. Sollen sie Angst haben und ein schlechtes Gewissen, weil sie mich wegen einer Kleinigkeit ignorieren.

Wenn ich erst einmal von zu Hause weg bin, werden sie sich wundern. Ich werde berühmt werden, sie werden nach meiner Adresse gefragt, weil mir Leute gratulieren wollen, warum weiß ich nicht. Mein Vater kannte meine Adresse nicht. Kann sein, dass er manchmal an mich dachte. Meine Schwester zog meine Fliegerjacke an, und mein Bruder schnitt die Bilder aus meinem „Lederstrumpf“. In der Entfernung wird alles Kleine gewaltig, und die Wirklichkeit verwischt sich. Ich wollte immer ein Findelkind sein aus einem der Bücher von Vaters Wand­regal. Vielleicht hatten sie mich ja verwechselt als Säugling. Sie hatten das falsche Kind mit nach Hause genommen. „Das kommt nur, weil du spinnst“, sagte mein Bruder. „Wärst du normal, würdest du klar sehen. Du bist meine Schwester, bist schlecht in der Schule, und deine Haare sind verfilzt.“

Ich glaube, was ich sehe, und was sehe ich? Ich sitze vor meinem Computer und denke an das Kind, das ich war. Sehe mich mit dem Flügelkleidchen, barfuß im Gras. Gerade ruft meine Mutter, die damals noch lebte, sie ruft, der Pudding sei fertig. Ihr Pudding mit Schokolade.

Sentimentaler Quatsch. Sollte ich doch lieber über die vielen Ertrunkenen schreiben, die im Meer liegen, deren Alltag einfach abgeschnitten wurde, die nie ein Glück haben werden, nie an sich als Kinder mehr denken können, wo man ihnen versprochen hatte, dass bald ein besseres Leben käme, eines mit Vanille und Karamell. Sollte ein Familienangehöriger überlebt haben, muss er um seine Leute weinen. Er ist allein und denkt sich: So dunkel hier, sind denn alle blind? Wer gibt mir ein Bett, wer gibt mir die Hand?

Viel wird geschrieben von den Bootsflüchtlingen. Sie haben keine Namen. Wäre ein Luxusdampfer im Meer versunken, würden die Schicksale der Verstorbenen vermarktet, Filme würden über das Unglück gedreht. Wir sollen nicht mehr unbeschwert auf dem Meer schwimmen. Wir wissen, dass Tote unter uns liegen.

Wenn ich erst einmal von zu Hause weg bin, werden sie sich wundern.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.