Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Vorarlberg wächst

Politik / 12.05.2015 • 22:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Meist ist Familienzuwachs eine freudige Sache. Da wird gefeiert und getanzt, es werden Geschenke verteilt und Glückwünsche ausgesprochen. Auch bei der Bevölkerung eines Landes ist ein Anstieg besser als Abwanderung. Zeugt es doch von Attraktivität des Lebensraums genauso wie von der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts. Also sind es positive Nachrichten, dass Vorarlberg zuletzt wieder so stark gewachsen ist wie vor 20 Jahren. Viele glauben an die Zukunft hier und wollen dazu beitragen.

Doch von den zusätzlichen 3450 Bürgern im letzten Jahr wurde nur jeder Dritte auch im Ländle geboren. Die anderen beiden sind zugewandert; manche, weil sie wollten, manche, weil sie mussten. Der eine spricht meist deutsch, manchmal auch ungarisch, kroatisch oder italienisch. Das hören wir gerne, das erinnert an Ferien, auch wenn wir nicht viel verstehen. Die andern sprechen syrisch, arabisch, Somali oder albanisch. Das klingt fremd, manchmal sogar bedrohlich. Urlaub machen will in diesen Ländern niemand.

Im Umgang mit Fremden gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Wir können neugierig auf sie zugehen oder sie skeptisch ablehnen. Die Ablehnung eint uns als Gruppe und gibt uns Sicherheit. Das Zugehen erweitert unseren Horizont und macht uns reicher. Viele Alberschwender haben sich für diese Variante entschieden. Gemeinsam mit der Bürgermeisterin bemühen sie sich um die Integration der syrischen Asylwerber im Dorf. Die Übergriffe auf ihre Unterkunft zu Ostern haben aber auch gezeigt, dass diese Bemühungen nicht immer reibungslos und konfliktfrei verlaufen. Derartige Herausforderungen für die Gesellschaft dürfen daher nicht dem Zufall überlassen bleiben, und die staatlichen Autoritäten müssen sich ihrer Verantwortung stellen.

51 Jahre nach dem Anwerbeabkommen zwischen Österreich und der Türkei sind ohnehin zu viele Jahre ungenützt verstrichen, um sich Lösungen für ein Zusammenleben von Kulturen und Religionen zu überlegen. Auch damals mussten wir erkennen, dass statt Arbeitskräften Menschen zu uns gekommen sind. Heute sollten wir darüber hinaus anerkennen, dass diese Zuwanderung entscheidend zu unserem wirtschaftlichen Erfolg beigetragen hat.

Wenn wir uns also über Bevölkerungswachstum freuen, müssen wir auch danach trachten, die Talente aller bestmöglich zu fördern, unabhängig davon wann, warum
und von wo sie zu uns gekommen sind. Die Aussage eines freiheitlichen Abgeordneten, dass es Asylsuchende hinsichtlich sozialer Absicherung besser als Österreicher haben, ist hingegen nur billige Polemik statt verantwortungsvoller Politik für die Zukunft unseres Landes. Seine Familienmitglieder kann man sich nicht aussuchen. Seine Politiker sehr wohl.

Heute sollten wir anerkennen, dass Zuwanderung entscheidend zu unserem wirtschaftlichen Erfolg beigetragen hat.

kathrin.stainer-haemmerle@vorarlbergernachrichten.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.