Als Soldaten in den Keller kamen

Vorarlberg / 13.05.2015 • 21:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Am 2. Mai machte die Elfjährige einen Ausflug in das brennende Stadtzentrum. STADTARCHIV BREGENZ
Am 2. Mai machte die Elfjährige einen Ausflug in das brennende Stadtzentrum. STADTARCHIV BREGENZ

Der Keller des ehemaligen VN-Hauses in Bregenz bot Inge Kallinger im Krieg Schutz.

Heidi Rinke-Jarosch

bregenz. Ausharren im Luftschutzkeller, Schüsse auf Windeln, Angst vor der Besatzungsmacht, Ausflug in die zerbombte Innenstadt: Inge Kallinger erlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs als elfjährige Hauptschülerin in Bregenz.

Sie wuchs mit zwei jüngeren Schwestern als Inge Niedermaier im Haus Kirchstraße 33 auf. Die Mutter führte während des Krieges das Bettenhaus Niedermaier im Erdgeschoß. Der Vater war als Schreiber des in der kroatischen Hauptstadt Zagreb stationierten Militärdiplomaten Edmund Glaise-Horstenau tätig und darum selten in Bregenz. Er sollte erst 1949 aus der Gefangenschaft in Jugoslawien entlassen werden und zu seiner Familie zurückkehren.

1945 war Inge als Elfjährige bereits Mitglied der Hitlerjugend und besuchte die 1. Klasse der Hauptschule Thalbach. Im Klassenzimmer hing ein Bild des Führers, und der Hitlergruß vor und nach dem Unterricht war obligatorisch. „Wegen des Fliegeralarms gab es keinen regelmäßigen Unterricht mehr“, erinnert sich Inge Kallinger. „Sobald die Sirene zu heulen begann, hieß es für uns Kinder, nach Hause zu laufen, so schnell wir konnten – und ab in den Bunker.“

Für die Familie Niedermaier bot das Kellergewölbe des benachbarten Hauses, Kirchstraße 35, Schutz. Das Gebäude, in dem später die „Vorarlberger Nachrichten“ residierten, gehörte damals schon der Verlegerfamilie Russ.

Aus Erika wird Erik

In dem mit Sitzgelegenheiten und ein paar Feldbetten ausgestatteten Luftschutzkeller war Platz für etwa 20 Personen. Unter ihnen waren der an Apnoe leidende Nachbar, dessen rasselndes Atemgeräusch Inge Kallinger nie vergessen konnte, und ein Ehepaar mit Tochter, die mit einem „Wasserkopf“ auf die Welt gekommen war. „Und es gab dort unten ein kleines Fenster zur Kirchstraße, vor dem wir die Füße der vorbeigehenden Leute sehen konnten.“

An einem Tag, als der Krieg bereits seinem Ende zuging, verließ Frau Niedermaier einmal für kurze Zeit den Luftschutzkeller und ging hinauf in die Wohnung, um verschmutzte Windeln zu waschen. Ihr jüngstes Kind war erst wenige Monate zuvor geboren worden. „Während die Mama dann die weißen Stoffwindeln auf dem Balkon aufhängte, schoss jemand von der Straße aus auf sie. Aber nicht die Mama wurde getroffen, sondern zwei Windeln“, schildert Inge Kallinger dieses gefährliche Ereignis. Das sei sicher ein Nazi gewesen, denn in der Kirchstraßengegend habe sich noch ein SS-Nest befunden.

Bei Familie Niedermaier war zu jener Zeit ein Wiener Fabrikant mit Ehefrau und 14-jähriger Tochter einquartiert. Laut Inge Kallinger war Erika – so hieß das Mädchen – sehr hübsch und blond. „Als es hieß, ‚die Franzosen kommen, alle in den Keller‘, wurde aus Erika ein Bub gemacht.“ Ihr Haar wurde kurz geschnitten, und sie musste eine Hose und ein kariertes Hemd anziehen. „Erikas Eltern hatten Angst, dass sie vergewaltigt wird“, erklärt Inge Kallinger. „Niemand wusste ja, wie sich die Franzosen verhalten werden.“

Nachdem Einheiten der Französischen Armee an der Klause durch Sperren aufgehalten wurden und daraufhin die Bregenzer Innenstadt mit Granaten und Bomben zerschießen ließen, marschierten sie am 2. Mai in Bregenz ein. Die Niedermaiers hielten sich bereits seit mehreren Tagen im Luftschutzkeller auf. Man ging nur zwischendurch rasch in die Wohnung hinauf, um Lebensmittel zu holen. Inge weiß noch gut, wie auf einmal Soldaten im Keller erschienen und einer auf Französisch sagte, „Der Krieg ist vorbei. Wir sind da.“ Dann gingen sie wieder.

Am frühen Nachmittag des 2. Mai machten die elfjährige Inge und ihr um ein Jahr älterer Cousin einen Ausflug ins Stadtzentrum, „um zu schauen, was dort passiert ist. Da hat alles noch gebrannt und geraucht. Auch das Grüne Haus stand noch in Flammen.“ Ganz still sei es gewesen. Die französischen Soldaten waren schon weitergezogen.

Niemand wusste, wie sich die Franzosen verhalten werden.

Inge Kallinger

Zur Person

Inge Kallinger
Geboren: 19.4.1934
Wohnort: Bregenz
Beruf: Geschäftsführerin Bettenhaus Niedermaier
Familie: verheiratet mit Hans seit 1960, 3 Kinder, 8 Enkelkinder, 9 Urenkel

Quelle für Hintergrund-Infos: „Nationalsozialismus in Vorarlberg“, Meinrad Pichler, StudienVerlag und erinnern.at