Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Empathie

Vorarlberg / 13.05.2015 • 20:32 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Stephen Hawking, der an den Rollstuhl gefesselte berühmte britische Physiker, hat kürzlich in einem Interview gemeint, nur das mitmenschliche Einfühlungsvermögen sichere die Zukunft der Menschheit. Während die für den Höhlenmenschen noch wichtige Aggression nun die Zivilisation zu vernichten drohe, bringe allein deren Gegenspieler, die Empathie, die Menschen in einen ruhigen und friedlichen Zustand. Kommen solche Aussagen aus dem Mund eines der größten Denker unserer Zeit, noch dazu eines Naturwissenschaftlers, lässt es aufhorchen.

Mit Empathie sind Fähigkeit und Bereitschaft gemeint, Gefühle und Gedanken anderer zu erkennen und sich darauf einzulassen. Man fühlt, was der andere fühlt, und denkt mit seinen Gedanken. Dieses „im anderen Leiden“, wie die wörtliche Übersetzung lautet, ist eine nur dem Menschen vorbehaltene Eigenschaft, die ihn von Tier und Maschine unterscheidet, auch vom alleskönnenden Computer.

Empathie spielt in Pädagogik, Psychologie und Medizin, in Religion, Politik und Kriminalistik, ja selbst im Marketing und Management eine herausragende Rolle. Ohne Empathie kann keine Erziehung und keine Therapie gelingen. Ohne sie gibt es keine emotionale Intelligenz, und sie ist der wichtigste Grundsatz praktischer Ethik. Die Fähigkeit zur Empathie muss die Grundlage jeglicher Pädagogik und die Basis menschlichen Kommunizierens sein. Was macht den Menschen zum Verbrecher, was zum Tyrannen und was zum Psychopathen? Es ist die fehlende Empathie. Und was zeichnet Führungspersönlichkeiten und Demagogen im negativen Sinne aus? Dass sie durch ihre Empathiefähigkeit die Bedürfnisse, Ängste und sensiblen Stellen der Menschen erfassen und ansprechen können.

All diese Erkenntnisse sind, obwohl sie so wenig Eingang in pädagogische Konzepte und Lehrpläne gefunden haben, keinesfalls neu. Vielmehr ist die Bedeutung der Empathie in vielen Worten des Volkes und alten Weisheiten auf den Punkt gebracht. „Du musst zuerst zwei Monde in den Schuhen des anderen gewandert sein, um ihn zu verstehen“, heißt ein indianisches Sprichwort. Am eindrucksvollsten finden wir alles, was es zum Wesen der Empathie zu sagen gibt, in der in verschiedenen religiösen und philosophischen Texten enthaltenen goldenen Regel. In negativer Fassung lautet sie: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“; oder in einer im Matthäusevangelium (Mt 7,12) enthaltenen positiven Form: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“

Mit Empathie sind Fähigkeit und Bereitschaft gemeint, Gefühle und Gedanken anderer zu erkennen.

reinhard.haller@vorarlbergernachrichten.at
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.