Farbenpracht und eine wichtige Rückschau ins Dunkle

Kultur / 13.05.2015 • 20:10 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Auf seinen Reisen führte Karplus stets ein Geschenk seiner Eltern mit, eine „Leica“. Foto: Karplus, Uni  
Auf seinen Reisen führte Karplus stets ein Geschenk seiner Eltern mit, eine „Leica“. Foto: Karplus, Uni  

Chemie-Nobelpreisträger Martin Karplus präsentiert sich an der Uni Wien von seiner künstlerischen Seite.

Wien (jal) Sichtlich erfreut zeigte sich Kulturminister Josef Ostermayer bei der Ausstellungseröffnung darüber, den renommierten emeritierten Professor der Elite-Universität Harvard in Wien begrüßen zu können. Nicht nur aufgrund der Ausstellung, die eine Auswahl der aus den 1950er-Jahren stammenden Fotografien des weltreisenden Forschers zeigt, sondern auch wegen der Verleihung eines Ehrendoktorats der Universität Wien, für die außerordentlich bedeutsamen Erkenntnisse im Bereich der physikalischen Chemie.

Erfreut deshalb, weil Karplus allen Grund für eine distanzierte Haltung gegenüber Österreich hätte. 1930 in Wien geboren, musste er mit seiner jüdischen Familie 1938 vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen. Sein Vater Josef Karplus saß nach dem Anschluss von Österreich an Nazi-Deutschland einige Monate in Haft. Dort wurde ihm zudem sein gesamtes Vermögen abgepresst.

Verlust

Erst in den USA erfolge ein Wiedersehen mit der Mutter, die mit den beiden Söhnen über die Schweiz ins amerikanische Exil flüchten konnte. Nach dem Studium an verschiedenen renommierten amerikanischen und europäischen Universitäten erhielt Martin Karplus 2013, gemeinsam mit Michael Levitt und Arieh Warshel, für die Entwicklung von multiskalen Modellen für komplexe chemische Systeme den Nobelpreis für Chemie. Mit klaren Worten ging Ostermayer bei der Eröffnungsrede auf die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs ein. Martin Karplus sei ein Symbol für den Verlust von Kreativität, der durch die Vertreibung von jüdischen und kritischen Wissenschaftlern ausgelöst wurde.

Zeitzeugnisse

Auf seinen ausgedehnten Reisen führte Karplus stets ein Geschenk seiner Eltern mit, eine „Leica“ mit Kodachrome-Farbfilmen.

Seine Reisen führten ihn in das Europa der Nachkriegszeit; seine Bilder dokumentieren in gewisser Weise eine verschwindende Welt, die sich zunehmend modernisiert hat. In seltsamer Weise wirken die Bilder aktuell und veraltet zugleich. Sie strotzen geradezu vor Farbenpracht und Lebendigkeit. Vielleicht sind es gerade diese intensiven Farben, die die Fotos auf merkwürdige Art und Weise anachronistisch erscheinen lassen, da die Bilder dieser Zeit sonst überwiegend in Schwarz-Weiß aufgenommen wurden.

Doch nicht nur Europa, sondern auch Nord- und Südamerika sowie Japan und China bereiste der leidenschaftliche Fotograf und dokumentierte dort das alltägliche Leben der indigenen Bevölkerung. Eine sehenswerte Ausstellung, die nach Paris, Berlin und New York nun in Wien zu sehen ist.

„La Couleur des Années 1950“; Geöffnet in der Universität Wien bis 12. August, Mo bis Sa, 7 bis 21 Uhr