Neustart 1945

Vorarlberg / 13.05.2015 • 21:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Gedenkjahr 2015: 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs, 60 Jahre Staatsvertrag. Zweifellos: Grund zur Freude. Der NS-Terror besiegt, Wien und andere Städte zwar in Trümmern, aber das Volk frei, die Zweite Republik wird ausgerufen. Zehn Jahre später ziehen die vier Besatzungsmächte ab und Österreich erlangt seine volle Souveränität. Grund zu großer Erleichterung: Im Gegensatz zum Nachbarland Deutschland gibt es keine „österreichische DDR“, die Sowjetunion macht ihre österreichische Besatzungszone nicht zum sowjetischen Trabantenstaat: Österreich, ganz Österreich, hat die Chance zum Neustart als freie, demokratische Nation.

Grund zur Freude und Erleichterung, aber auch zum Stolz? Da wird die Sache zumindest zwiespältig. Der Wiederaufbau stellte wohl auch eine gewaltige Eigenleistung dar, aber ohne den Marshallplan der USA, die dem wesentlich kleineren Österreich (711 Millionen Dollar) genau die Hälfte der Deutschland gewährten Wirtschaftshilfe (1,4 Milliarden Dollar) zubilligte, wäre dieser nicht so rasch möglich gewesen. Und hätte man die den österreichischen Juden in der NS-Zeit geraubten Güter und Geldmittel zurückgegeben, so wäre, wie errechnet wurde, Österreich auf dem wirtschaftlichen Niveau der DDR geblieben. Die Restitution erfolgte sehr spät und sehr zögerlich; der unselige Spruch des damaligen Innenministers Oskar Helmer: „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“ (1948), wurde zum Symbol für jene Haltung. Emigranten wurden zur Rückkehr in die alte Heimat nicht ermutigt (bzw. entmutigt). Verhielt man sich gegenüber den Überlebenden schäbig, so umso großzügiger gegenüber den Mördern und Mitläufern: 1946 wurden 530.000 Ex-Nazis registriert, bis 1948 eine halbe Million amnestiert, keine der Parteien des neuen demokratischen Österreich mochte auf dieses Wählerpotenzial verzichten. Von den 13.000 nach dem Krieg verhafteten und verurteilten Kriegs- und NS-Verbrechern waren 1955 noch genau 14 in Haft. Viele von ihnen befanden sich damals schon in Amt und Würden, unter anderem auch der berüchtigte Arzt Heinrich Gross, der am Wiener Spiegelgrund Kinder brutal für „Forschungszwecke“ missbrauchte und an ihrer Ermordung beteiligt war. Für seine Forschungen an den Hirnen ermordeter Kinder wurde er 1959 mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnet.

Erst mit jahrzehntelanger Verspätung besann sich Österreich auf seine (wie man inzwischen weiß: weit überproportionale) Mitschuld an den NS-Verbrechen und begann, einen Teil des geraubten jüdischen Eigentums zu restituieren, in vielen Fällen an die Erben der inzwischen verstorbenen (oder ermordeten) Opfer. Bis vor Kurzem hatten österreichische Diplomaten im Ausland weisungsgemäß noch die „Opferthese“ zu propagieren und Österreich als „erstes Opfer des Nationalsozialismus“ hinzustellen. Und erst spät, sehr spät, besann man sich darauf, auf dem geschichtsträchtigen Wiener Heldenplatz das Ende der NS-Diktatur würdig zu feiern, statt den Platz unter Polizeischutz dem „Heldengedenken“ der Rechtsextremisten zu überlassen.

Die Nachkriegszeit stellt wahrlich kein Ruhmesblatt der österreichischen Geschichte dar, und wie bittere Ironie wirkt auf uns Heutige der unsägliche Staatsfilm „1. April 2000“, eine Science-Fiction-Parodie, 1952 mit gigantischem Aufwand und unter Aufbietung sämtlicher damals verfügbarer Schauspieler und Statisten und unter Mobilisierung von Unmengen an Kitsch, Sentimentalität und Klischees entstanden: Ein charmantes Plädoyer an die Besatzungsmächte, dieses harmlos-unschuldige, sympathische und gemütliche Österreich doch bitte den Österreichern zu überlassen und abzuziehen; was dann drei Jahre später mit der bekannten Fortsetzung geschah (siehe oben).

Von den 13.000 nach dem Krieg verhafteten und verurteilten Kriegs- und NS-Verbrechern waren 1955 noch genau 14 in Haft.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).