Schreit lauter als das Unrecht

Kultur / 13.05.2015 • 20:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Sehr viel Pantomime kam bei „Vom Fischer und seiner Frau“ mit Andrea Post und Tim Schreiber zum Tragen. Das Konzept hat jedoch funktioniert. Fotos: Fritz  

Sehr viel Pantomime kam bei „Vom Fischer und seiner Frau“ mit Andrea Post und Tim Schreiber zum Tragen. Das Konzept hat jedoch funktioniert. Fotos: Fritz  

„F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ wurde zum bewegenden Homunculus-Höhepunkt.

Hohenems (ufe) Der Löwensaal erhob sich geschlossen vor Rührung und Begeisterung. Das Homunculus-Publikum verneigte sich mit tosendem Applaus vor den Stückemachern Nikolaus Habjan (Spiel) und Simon Meusburger (Regie), aber vor allem vor Friedrich Zawrel und dessen Lebensweg. Das Bühnenwerk verbindet auf empfindsame Art die unfassbare Geschichte des Friedrich Zawrel mit einem ebenso unfassbaren Stück österreichischer Geschichte, das zudem die Kontinuität erbarmungsloser Machtstrukturen losgelöst vom NS-Regime demonstriert.

Die Mutter konnte die Familie nicht allein durchbringen. Der Vater war Alkoholiker. Die gesamte Familie galt deshalb während des Nationalsozialismus als förderungsunwürdig. Soziale Ächtung, Delogierung, Heimaufenthalte, Pflegeeltern, Fluchtversuche und schließlich Kinderfachabteilung am Spiegelgrund. Was hier als banale Aufzählung steht, gibt in Stichworten die Leidensstationen Zawrels wieder. Das Leid und die Grausamkeit dahinter sind unermesslich.

Am Spiegelgrund, einer als „Heilanstalt“ getarnten Kindereuthanasieeinrichtung am Wiener Steinhof, wird er von Doktor Heinrich Gross als „erbbiologisch und sozial minderwertig“ eingestuft. Das Todesurteil für Zawrel. Rechtzeitig gelingt ihm die Flucht.

1975, 30 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, begegnen Gross und Zawrel einander wieder.

Erneut vor Gericht

Zawrel steht vor Gericht. Gross, vormals NS-Arzt und Kindermörder, nun angesehener Gehirnforscher, bedeutender Gerichtsgutachter und einflussreiches Mitglied der Gesellschaft, muss für Zawrels Fall das Gerichtsgutachten verfassen. Gross bringt Zawrel für viele weitere Jahre hinter Gitter.

Erst im Jahr 2000 kommt es zu einem Gerichtsverfahren gegen Gross. Aufgrund einer angeblichen Demenz wird das Verfahren aber eingestellt.

Lauter als das Unrecht

Die meisten wären an diesem Schicksal zerbrochen, nicht aber Zawrel. Er hat sich den Glauben an das Gute und vor allem an die Zukunft, die in den Händen der Kinder liegt, erhalten. „Wir haben eine gute Jugend. Alle sagen immer, die Jugend sei schlecht, aber das stimmt nicht.“ Wenn er Kinder am Spielplatz schreien hört, dann sagt er ihnen: „ Kinder, schreit lauter.“ Lauter als das Unrecht, das ihm widerfahren ist, hat auch Zawrel „geschrien“ und er wurde schließlich gehört. Die Regie des Bregenzers Simon Meusburger und das Puppenspiel des Grazers Habjan bringen kein Stück, sondern Realität auf die Bühne. Die Puppen erwachen zum Leben und werden als Personen wahrgenommen. Zawrel und Gross stehen sich auf der Bühne noch einmal gegenüber. Dieses Mal erhält der „machtlose“ Zawrel das uneingeschränkte Wort.

Endlich in Vorarlberg

„F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ gewann bereits 2012 den Nestroy-Preis in der Kategorie Beste Off-Produktion. Seitdem wird es pausenlos und nicht nur österreichweit gespielt.

Dem Homunculus-Festival ist es zu verdanken, dass dieses hervorragende Stück von zeitloser Aktualität seinen Weg nach Vorarlberg gefunden hat.

Gestern Nachmittag stand dann „Vom Fischer und seiner Frau“ mit Andrea Post und Tim Schreiber (Regie: Matthias Ludwig) auf dem Programm. Ein Inszenierung mit viel Pantomime, die funktionierte.

„F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ von Simon Meusburger und Nikolaus Habjan gewann bereits 2012 den Nestroy-Preis.  

„F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ von Simon Meusburger und Nikolaus Habjan gewann bereits 2012 den Nestroy-Preis.  

Das Homunculus-Festival in
Hohenems dauert noch bis 15. Mai:
www.homunculus.info