Vorarlberg feierte und stritt um den Gedenk-Zeitpunkt

Politik / 13.05.2015 • 19:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Vorarlberger Nachrichten am 3. Oktober 1966: „Ein Feiertag, den niemand mag“.
Vorarlberger Nachrichten am 3. Oktober 1966: „Ein Feiertag, den niemand mag“.

Vorarlberg feierte den Staatsvertrag mit Kirchenglocken und einer Radioansprache.

BREGENZ. (VN-mip) „Beflaggung! Es ergeht an die Bevölkerung von Vorarlberg die Einladung, aus Anlaß der Unterzeichnung des Staatsvertrages morgen, Sonntag, den 15. Mai, die Häuser festlich zu beflaggen.“ Gezeichnet: Amt der Vorarlberger Landersregierung. So zu lesen in den Vorarlberger Nachrichten vom 14. Mai 1955 im Artikel zur bevorstehenden Unterzeichnung des Staatsvertrages. Einige folgten dem Aufruf, eine große Feier gab es am 15. Mai in Vorarlberg aber nicht.

Der 15. Mai war ein Sonntag, ein nasskalter Tag – die „nasse Sophie“ eben. Landeshauptmann Ulrich Ilg meldete sich über Radio zu Wort. Generalvikar Bischof Franz Tschann bat die Pfarren, ab 12 Uhr eine Viertelstunde lang die Kirchenglocken zu läuten. Außerdem sollten am Abend die Maiandachten als feierliche Dankgottesdienste abgehalten werden. Historiker Ulrich Nachbaur ist sich sicher: „Obwohl der letzte Soldat Vorarlberg bereits im Jänner 1954 verlassen hat, wurde der 15. Mai im Land als ein wirklich historischer Tag empfunden.“

Das „andere Evangelium“

Ilg wandte sich im Radio an die „heimattreuen Österreicher“ und begrüßte die Neutralität, die Österreich festschreiben musste. Auch, dass nun aus den restlichen Bundesländern die Besatzungstruppen abzogen, bereitete ihm Freude. Vorarlbergs Streben nach Eigenständigkeit, betonte er, sei nichts Negatives, sondern auch für die Zukunft wichtig. Vorarlberg werde deshalb diesem politischen Evangelium treu bleiben. Wichtiger sei aber das andere Evangelium. Auch betonte Ilg, dass es in Vorarlberg tiefen Eindruck gemacht habe, dass Bundeskanzler Julius Raab bei der Rückkehr aus Moskau zuerst dem Herrgott gedankt habe, schildert Ulrich Nachbaur die Rede. Abschließend stellte Ilg fest, dass es darauf ankommen werde, auch künftig in Gebet und Arbeit den Willen Gottes zu erfüllen.

Wie und wann dieser 15. Mai gefeiert wird, war lange umstritten. Im Jahr 1966 sollte der 26. Oktober endgültig zum Nationalfeiertag erklärt werden, an dem die Geschäfte und Schulen ruhen. Der kirchlich dominierte „Vorarlberger Laienrat“ zog dagegen ins Feld, die Vorarlberger Nachrichten hielten in einer Leserbefragung fest, dass 73,8 Prozent keinen Nationalfeiertag wollen. „Am ehesten noch am 1. Mai“, hieß es in der VN-Ausgabe vom 3. Oktober 1966. Daneben erschien ein Kommentar mit dem Titel: „Ein Feiertag, den niemand mag“. Geworden ist es dennoch der 26. Oktober, an dem das Neutralitätsgesetz in Kraft trat. Der 1. Mai ist nichts anderes als der Tag der Arbeit. Papst Pius XII. erklärte 1955, künftig am 1. Mai „Josef den Arbeiter“ zu feiern. „Das erklärt wohl, weshalb der Vorarlberger Landeslaienrat zur Not den 1. Mai propagierte“, sagt Nachbaur. Der heilige Josef ist bekanntlich Landespatron Vorarlbergs.

Der 15. Mai wurde als wirklich historischer Tag empfunden.

Ulrich Nachbaur