Die Kinder der Ausgebombten

Vorarlberg / 15.05.2015 • 20:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
In Hans Kallingers Zeugnis klebt ein Hinweis auf den Unterrichtsentfall des Schuljahres 1944/45.

In Hans Kallingers Zeugnis klebt ein Hinweis auf den Unterrichtsentfall des Schuljahres 1944/45.

Hans Kallinger war beim Einmarsch der amerikanischen Besatzer in Eggerding dabei.

Heidi Rinke-Jarosch

bregenz. Er freundete sich mit Flüchtlingskindern an und ließ sich von amerikanischen Soldaten zum Rauchen verführen: Hans Kallinger erlebte das Kriegsende als achtjähriger Volksschüler in einem kleinen, oberösterreichischen Dorf.

Aufgewachsen ist er als Sohn christlich-sozialer Eltern mit vier Schwestern in einem alten Bauernhaus in der Innviertler Gemeinde Eggerding. Das Haus gehörte jenem Großgrundbesitzer, für den Hans’ Vater als Knecht, die Mutter als Magd arbeitete.

1943 kam Hans in die erste Klasse Volksschule. Im Jahr darauf wurde der Unterricht in Eggerding eingestellt. Auf Hans’ „Zeugnis der deutschen Volksschule“ klebt der Hinweis: „Infolge der Kriegsereignisse entfiel der Unterricht vom 13. Oktober 1944 bis 16. September 1945. Daher war eine Beurteilung für das Schuljahr 1944/45 nicht möglich.“

Hans Kallinger kommt sein Volksschulehrer in den Sinn, der die Schüler instruiert hatte, wie sie sich bei einem Tiefflieger-Angriff verhalten müssten. „Wir sollten uns in den Straßengraben werfen oder uns tot stellen.“ Dann kamen sie, die Tiefflieger der Alliierten. „Und wir standen da und schauten zu, wie die Piloten mit Maschinengewehren schossen. Meist auf Scheunen.“

Bombenabwürfe auf Eggerding gab es nicht. „Es rentierte sich nicht, die paar Landwirtschaften zu bombardieren“, erzählt Hans Kallinger. Dafür sei die wenige Kilometer entfernte niederbayrische Stadt Pocking beschossen worden. Dort war nämlich ein deutscher Armee-Fliegerhorst.

1945 lebten in Eggerding neben ca. 800 Einwohnern mehr als 1000 Flüchtlinge. Sie kamen aus Weißrussland, Polen, der Ukraine und sehr viele aus Deutschland. „In Eggerding sagte man, die Ausgebombten kommen.“ Für die Dorfkinder sei das interessant gewesen: „Wir haben mit den fremden Kindern gespielt, gezankt, gerauft. Sieger war immer der Stärkere. Ob der aus Hamburg kam, aus Weißrussland oder aus Eggerding, war egal.“

Die Amerikaner kommen

In den letzten Kriegstagen hörten einige Eggerdinger im Radio vom Vormarsch der US-Armee in Oberösterreich. „Es hieß, alle Bewohner müssen in den Häusern bleiben und weiße Fahnen raushängen.“ Ein paar Buben, unter ihnen natürlich Kallingers Hans, hielten sich nicht an die Order. Sie gingen den amerikanischen Soldaten entgegen. „Wir hielten uns aber versteckt.“ Denn gefürchtet haben er und seine Freunde sich schon, gibt er zu, „aber die Neugier war größer“. Die Soldaten entdeckten die Kinder dann doch. „Sie lachten uns an und zeigten uns ihre Gewehre, die wir sogar anfassen und schultern durften.“ Die letzten Kilometer ins Dorf marschierten die Buben gemeinsam mit den Besatzungssoldaten – und trugen dabei deren Schusswaffen.

Als Quartier suchten sich die Amerikaner den Vierseithof eines „sehr reichen Obernazis“ aus. „Der Großgrundbesitzer befand sich in Gefangenschaft. Hin und wieder schauten Hans und seine Freunde den Amerikanern beim Essen zu, das die Soldaten oft im Hof einnahmen. „Sie aßen viel Weißbrot und Kakao“, erinnert er sich, „und oft luden sie uns ein, mitzuessen. Wir konnten auch immer wieder etwas für zu Hause mitnehmen.“

Zu jener Zeit kaute Hans Kallinger zum ersten Mal Kaugummi und rauchte seine erste Zigarette: „Das Rauchen haben mir die Amerikaner beigebracht.“ Er rauche übrigens heute noch, „und bin trotzdem kerngesund“.

Zusammenhalt in der Not

Die Familie Kallinger war zwischenzeitlich wieder vereint. Der Vater, der in Griechenland gekämpft hatte, ist wenige Wochen nach dem Kriegsende heimgekehrt. Hans musste in der Nachkriegszeit – wie viele andere Kinder auch – bei Bauern arbeiten, um an Nahrung zu kommen. „Einmal gab mir ein Bauer einen großen Laib Brot mit. Mama schnitt ihn auseinander und trug mir auf, eine Brothälfte der Mesner-Familie mit den sieben Kindern zu bringen.“ In der Not hielt man im Dorf zusammen.

Gefürchtet haben wir uns schon, aber die Neugier war größer.

Hans Kallinger
  

 

 

Zur Person

Hans Kallinger
ist Klostervater, Obmann des Vereins der Oberösterreicher in Vorarlberg, Vorsitzender des Interkulturellen Komitees
Geboren: 1937
Wohnort: Bregenz, seit über 50 Jahren
Beruf: Malermeister, Stadt Bregenz 15 Jahre Kulturabteilug bis Pensionierung
Familie: verheiratet mit Inge seit 1960, 2 Söhne, 1 Tochter, 8 Enkelkinder, 9 Urenkel