Kein Jägerlatein, sondern starke Mythen

Kultur / 15.05.2015 • 22:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Jagd wird in der Ausstellung im Kunsthaus nicht in erster Linie kritisierend begegnet, sondern aufklärend. Foto: Rudolf Sagmeister
Der Jagd wird in der Ausstellung im Kunsthaus nicht in erster Linie kritisierend begegnet, sondern aufklärend. Foto: Rudolf Sagmeister

Es ist gut zu wissen, dass Berlinde De Bruyckere neben Jägern und christlicher Ikonografie aufgewachsen ist.

Bregenz. (VN) Abgüsse aus Tierhäuten oder Tierhäute selbst bestimmen die Arbeiten der belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere, die wie berichtet im Kunsthaus Bregenz und im Kunstraum Dornbirn zu sehen ist. Die Jagd und Mythen von der Jagd sind einige der bestimmenden Themen. Der Jagd wird, wie der Kurator und Kunsthistoriker Rudolf Sagmeister erläutert, nicht kritisierend begegnet, sondern aufklärend. In Ergänzung zur Rezension der beiden Ausstellungen sei seine Schilderung  aus dem Schlachthof erwähnt: „Wie in einer langjährig eingespielten Choreografie befestigen Arbeiter Tierhaut für Tierhaut an Haken eines Flaschenzugs, ziehen sie empor und lassen sie an einem an der Hallendecke montierten Laufkran scheinbar durch die Luft zu einem halbrunden Stahlzylinder fliegen. Hier wird das Fell an den unteren Enden auseinandergeschlagen, ausgebreitet und bei hellem Licht inspiziert . . . Mit mehreren sorgfältig ausgewählten Häuten im Kofferraum fuhren wir von den Tierverwertungshallen zum Atelier der Künstlerin, wo ihre Mitarbeiter am nächsten Tag die Abformung der Häute in Silikon und in der Folge Abgüsse in Polyester und Wachs vorbereiteten. Zwei Monate später war die künstlerische Transformation des verderblichen Ausgangsmaterials entstanden. Erst durch das Häuten wird das Tier zu Fleisch – und damit zur kommerziellen Ware. Die riesigen Haufen von Häuten erscheinen als bildhafte Entsprechung der Akkumulation von Kapital, das aus der Lebensenergie der massenhaft getöteten Tiere gewonnen wird, und sprechen vom Umgang unserer Gesellschaft mit der lebenden Kreatur als Rohmaterial in großem Maßstab.“

Marsyas und Bartholomäus

Einige Arbeiten der Künstlerin, deren Vater Jäger ist, beziehen sich auch auf Mythen rund um die Jagd. Aktaion sieht auf der Jagd nach einem Hirsch die Göttin Diana nackt beim Bade und begehrt sie. Da aber keinem Menschen es ziemt, eine Göttin nackt zu erblicken und
zu begehren, verwandelte sie den Jäger in das gejagte Tier, den Hirsch, so dass seine eigenen Hunde ihn jagten und zerfleischten. In der griechisch-römischen Mythologie endet der musikalische Wettstreit zwischen dem Gott Apollon und dem Satyr Marsyas für Letzteren mit einem blutigen Tod:  Weil er es gewagt hatte, den Gott zu einem musikalischen Wettstreit herauszufordern, wird er mit der Häutung bei lebendigem Leib bestraft. Auch christlichen Märtyrern wurde diese Folter angetan. Auf Michelangelos Fresko  in der Sixtinischen Kapelle in Rom zeigt Bartholomäus, getötet aufgrund der Verbreitung des Evangeliums in Persien und Armenien, demonstrativ und anklagend die ihm bei lebendigem Leib abgezogene Haut.

Die Ausstellung von Berlinde De Bruyckere ist bis 5. Juli geöffnet. Eine spezielle Führung für Jäger findet im KUB am 21. Juni, 14 Uhr, statt.