Unfassbares sichtbar gemacht

Kultur / 17.05.2015 • 21:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Eine Koryphäe: Israel Galván. Foto: Bregenzer Kunstverein
Eine Koryphäe: Israel Galván.
Foto: Bregenzer Kunstverein

Israel Galván sorgte nicht nur für den stärksten Festivalbeitrag: „Lo Real“ zählt zum Besten der Szene.

Bregenz. (VN-cd) Verfolgung, Vernichtung und Völkermord unter den Nationalsozialisten, rassistisches Gedankengut und ein Wiedererstarken der Ultrarechten in Europa und daneben ein Tanz, der einerseits die persönliche Freiheit beschwört, andererseits aber auch von zum Teil fragwürdigen Traditionen durchzogen ist: „Lo Real“, ein Stück von Israel Galván, enthält Themen, die mittels Tanz wohl kaum zu bewältigen sind.

Dennoch wird nicht nur das Unfassbare, das Grauen, das Leid sichtbar, auch die optische und akustische Umsetzung, das Aufeinanderprallen von Grausamkeit und Schönheit in dieser Geschichte vom Schicksal der Sinti und Roma (und anderer Verfolgter) funktioniert, und zwar so, dass keine Sekunde lang eine Ästhetik der Macht oder des Schmerzes zum Tragen kommt. „Lo Real“ bewegt sich abseits gängiger Filmbilder, die gerade jetzt, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wieder allgegenwärtig sind. Das Stück grenzt sich von jeglicher Banalität des Bösen ab, es ist bei allen Zitaten aus dem Flamenco nicht poetisch oder melancholisch. Es ist hart, ohne diese Härte jedoch spekulativ einzusetzen.

Beste Entscheidung

„Lo Real“ wurde vor zweieinhalb Jahren in Madrid uraufgeführt und war am Samstagabend erstmals in Österreich zu sehen. Es zählt zweifellos zu den stärksten Beiträgen im Rahmen des Festivals „Bregenzer Frühling“, und es dürfte wohl zum Besten zählen, was die internationale Tanzszene überhaupt zu bieten habt. Israel Galván engagiert zu haben, wird einmal zu den großartigsten Entscheidungen zählen, die der Bregenzer Kulturamtsleiter und „Frühling“-Macher Wolfgang Fetz jemals getroffen hat.

Das Publikum, das in den kurzen Szenenpausen während der gut eineinhalbstündigen Darbietung eher zurückhaltend reagierte, verabschiedete die Künstler, die als Tänzer, Sänger und Instrumentalisten Flamenco-Elemente pointiert und kompromisslos hinterfragten und weiterentwickelten, am Ende mit frenetischem Applaus. Paul Celans „Todesfuge“ in diesen Bildern derart unanfechtbar zu zitieren, bleibt wohl einzigartig.

Das Festival „Bregenzer Frühling“ wird mit dem Auftritt von Trjal Harrell am 22. Mai im Festspielhaus beendet.