„Der Song Contest ist eine Punk-Veranstaltung“

Extra / 18.05.2015 • 17:14 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Vorjahressiegerin Conchita Wurst wird beim Song Contest in Wien aus dem Backstagebereich berichten.
Vorjahressiegerin Conchita Wurst wird beim Song Contest in Wien aus dem Backstagebereich berichten.

Conchita Wurst sprach mit den VN über künstlerische Freiheit und temporäre Toleranz.

Wien. Conchita Wurst mag es, „all dra“ zu sagen. Und das ist sie auch. Rund 4000 Interview­anfragen hat sie im Vorfeld des Song Contests erhalten. Dazzu erschien das erste Album der Vorjahressiegerin am 15. Mai. Das möchte sie nun weltweit bewerben.

Die Pussy Riots sagten, dass Sie mehr Punk sind als alle anderen. Hat Sie das überrascht?

Wurst: Ich finde es lustig. Ich verstehe aber schon, was sie damit meinen. Sie meinen Menschen, die diesen Lebensstil leben, zu sich selbst zu stehen und ohne Kompromisse einfach ihr Leben zu genießen. Das trifft wohl auf mich zu. Und es ehrt mich.

Punk heißt für die Pussy Riots etwa, mit Klischees zu brechen. Ist Conchita Wurst somit nicht nur Kunst, sondern vielleicht auch Aufstand?

Wurst: Nein, für mich nicht. Ich finde es spannend, dass die Menschen so viel mehr darüber nachdenken, als es dann am Ende des Tages ist. Für mich ist es ganz banal: die Optik, wie ich mich gerne sehe auf der Bühne und wie ich gerne sein möchte. Nicht mehr und nicht weniger.

Wenn alle so viel darüber nachdenken, warum Sie als Conchita Wurst auf die Bühne gehen, zeichnet das dann nicht auch ein gewisses Bild von unserer Gesellschaft?

Wurst: Auf jeden Fall. Mir war auch im Vorfeld bewusst, dass eine bärtige Frau etwas ist, was man nicht alltäglich im Fernsehen sieht. Es wäre auch schön, wenn man darüber nicht in dieser Art sprechen müsste, als dass es etwas Absonderliches wäre, sondern einfach nur darüber reden könnte, ob einem das nun gefällt oder nicht. Es wäre schön, wenn man es genauso sieht, wie eben alle anderen Künstler, Gemälde, Gebäude. Sie sind einfach Geschmackssache.

Also war es gar nicht Ihr Ziel, den Song Contest auch als politische Bühne zu nutzen?

Wurst: Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich es durchkonzeptioniert hätte. Als ich aber die Chance bekommen habe, beim Song Contest teilzu­nehmen, war für mich klar, dass ich auch in dieser Hinsicht und in diesem Interessenfeld die Chance nutzen möchte, um meine ungefragte Meinung hinauszuposaunen.

Hat dem Song Contest bis zu Ihrer Teilnahme ein bisschen was von dem Punk gefehlt, wie ihn die Pussy Riots definierten?

Wurst: Das glaube ich nicht. Wenn man Musikevents mit etwas betiteln möchte, dann wäre wohl Punk ein gutes Wort für den Song Contest. Denn dort darf jeder so kommen, wie er oder sie möchte. Und das finde ich so toll.
Da wird niemand verurteilt und nie gesagt: Nein, das dürft ihr nicht. Jeder genießt absolute künstlerische Freiheit. In dieser Hinsicht ist es definitiv eine Punk-Veranstaltung.

Wird das künstlerische Machen beim Song Contest hin und wieder unterschätzt?

Wurst: Ich glaube, dass
sich viele damit zufrieden­geben, diese doch sehr bunte Show zu sehen und sich als Konsument berieseln zu lassen. Das finde ich auch berechtigt.

2015 steht der Song Contest unter dem Motto „Building Bridges“. Haben Sie die Österreicher toleranter gemacht?

Wurst: Ich tu mir schwer, zu sagen, dass ich irgendetwas verändert hätte, oder dass sich irgendwer von mir inspirieren ließ. Wenn mir das gesagt wird, ehrt mich das, aber es ist schwierig, das zu glauben. Ich tu mir auch schwer, Aspekte der Ignoranz an Ländergrenzen festzuheften. Stockholm zum Beispiel gilt wahrscheinlich allgemein als sehr liberale Stadt, aber ich bin mir sicher, dass es auch dort Ecken gibt, wo man mich nicht sehen wollen würde.

Hat sich also zu wenig getan?

Nein, ich glaube, dass sich einiges getan hat, schon alleine auf Grund der Tatsache, dass wir den Song Contest in Österreich haben, nicht zwingend meiner Person wegen, sondern weil der Fokus einfach auf Österreich liegt. Es passiert jetzt gerade das Natürlichste, was passiert, wenn man Gäste hat: Man will sich von seiner besten Seite zeigen.

Ist Österreich jetzt offener?

Wurst: Ich glaube schon. Aber es gibt auch definitiv Nachholbedarf. Ich glaube, dass diese Offenheit bei manchen Menschen – das wage ich zu behaupten – temporär ist. Aber auch das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Wenn wir das Thema Toleranz von einer anderen Seite betrachten: Andreas Gabalier weigert sich, die Bundeshymne mit den „Töchtern“ zu singen. Würden Sie trotzdem die Hymne mit ihm gemeinsam singen?

Wurst: Natürlich.

Wie würden Sie sie singen?

Wurst: Ich würde Töchter und Söhne singen, weil ich das eigentlich nur fair finde.

Nach Ihrem Sieg beim Song Contest rückte Ihre Musik eher in den Hintergrund. Glauben Sie, dass sich das mit dem Erscheinen Ihres neuen Albums wieder ändert? Oder fühlen Sie sich wohl als Botschafterin?

Wurst: Ich fühle mich wohl, in dem, was ich tue. Ganz logisch ist auch: Das Album ist gerade erst (Anm.: am 15. Mai) erschienen. Deswegen war der Fokus nicht auf meiner Musik. Das wird sich aber ändern, weil ich den Rest des Jahres dazu nutze, das Album weltweit zu promoten. Aber prinzipiell macht mir alles Freude, was ich tue. Deswegen verspüre oder verspürte ich da kein Defizit.

Kommen Sie dann auch nach Vorarlberg?

Wurst: Ja, ich bin sowieso öfter im Ländle, aber dennoch viel zu selten dort. Mein bester Freund, der meine Haare macht, Matthias, ist Vorarlberger. Viele meiner Freunde sind Vorarlberger.

Den Dialekt beherrschen Sie also schon ein bisschen.

Wurst: Den hab ich drauf, glaube ich. Ich liebe es zum Beispiel, „all dra“ zu sagen. Ich arbeite aber noch an meinem Lustenauerisch.