Ein Spottvers auf den Hitlergruß

Vorarlberg / 18.05.2015 • 21:27 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Adele Keckeis hat Bezugsscheine für Lebensmittel und ihren Ausweis von damals aufbewahrt.  
Adele Keckeis hat Bezugsscheine für Lebensmittel und ihren Ausweis von damals aufbewahrt.  

Adele Keckeis erlebte als Neunjährige den Einmarsch der Rotarmisten im Waldviertel.

Heidi Rinke-Jarosch

götzis. Die Angst vor den Sow­jets war groß. „Sie verlangten Pferde, Hühner, Frauen“, erzählt Adele Keckeis. „Frauen gab es nicht. Sie waren versteckt.“

Adele ist unter ihrem Mädchennamen Bühringer in Göpfritz – einer kleinen Gemeinde im niederösterreichischen Waldviertel – aufgewachsen. Daneben befindet sich der Truppenübungsplatz Allentsteig, der 1938 von der Deutschen Wehrmacht angelegt wurde und ursprünglich nach der Gemeinde Döllersheim benannt war. Für ihren größten Übungsplatz im Deutschen Reich mit Barackenlagern, Bunkern und Schießplätzen hatte die Wehrmacht ein etwa 150 Quadratkilometer großes Gebiet entsiedeln lassen.

1945 lebte Adele mit ihrer Mutter Maria und dem vierjährigen Bruder Günther in einer Dienstwohnung der Bahn und besuchte die 2. Klasse Volksschule. Vater Josef Bühringer, von Beruf Eisenbahner, war 1943 eingerückt und sollte nie mehr heimkehren.

Auch in der Göpfritzer Volksschule war der Hitlergruß vor und nach dem Unterricht unerlässlich. „Wir Schüler machten uns einen Spaß daraus und kreierten den Spottvers ‚Heil Hitler, drei Liter‘.“

Beim Bahnhof stand eine Fabrik, die einem Juden gehört hatte und von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurde. Ein deutscher Offizier hatte sich dort eingenistet. „Als wieder einmal Tiefflieger der Alliierten kamen, schoss der Offizier mit einer Pistole in Richtung Flugzeuge“, schildert Adele Keckeis. „Daraufhin kehrten die Piloten um und feuerten mit Bordwaffen auf den Bahnhof und einen mit Stroh gefüllten Waggon, der in Brand geriet. Und vom Stellwerk zerschossen sie die Fensterscheiben.“

Bei Fliegeralarm flüchtete die Familie Bühringer in ein Haus möglichst weit weg vom Bahnhof. Der galt nämlich als Verladestation des Truppenübungsplatzes als beliebtes Angriffsziel der Alliierten. „Den Bunker beim Stellwerk mied meine Mutter. Das war nur ein Schacht.“

Gegen Kriegsende zu heulten die Sirenen immer öfter. Jene Kinder, die bei Fliegeralarm in der Schule waren, schickten die Lehrer heim. Einmal schaffte es Adele nicht mehr bis nach Hause. „Die Flieger waren schon da.“ Sie stellte sich beim Personalhaus der Bundesbahner unter. „Die Flugzeuge rauschten so tief über mich hinweg, dass ich die Schützen in den Pilotenkabinen sehen konnte.“ Erst nach der Entwarnung ging sie heim. „Mama hat sich große Sorgen um mich gemacht.“

Anfang April zeichnete sich die Niederlage der Wehrmacht immer deutlicher ab. Massen von Militärs und Flüchtlingen strömten ins Waldviertel und quartierten sich in Zwettl und umliegenden Dörfern ein. „Da beschloss Mama, zu meiner Großmutter nach Drösiedl zu ziehen.“ In dem 15 Kilometer von Göpfritz entfernten Ort erlebte Adele den Einmarsch der Roten Armee.

Die Besatzer erreichten Drösiedl am 9. Mai 1945, dem Tag nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. „Wir standen am Tor beim Nachbarn und schauten zu, wie die Soldaten durchs Dorf marschierten.“ Die Mama habe fürchterliche Angst vor den Sowjets gehabt, nachdem von Vergewaltigungen berichtet wurde. „Ich spürte Mamas Angst und hing an ihrem Rockzipfel.“

Adele erinnert sich auch an die polnischen Zwangsarbeiterinnen, die auf einem Gutshof im Dorf arbeiten mussten: „Beim Einmarsch der Besatzer standen die Polinnen mit Blumensträußen an der Straße und empfingen sie als ihre Befreier.“ Die Gutshofbesitzerin habe sich versteckt und sei von Soldaten gesucht worden. „Gefunden haben sie sie nicht.“

Rückkehr nach Göpfritz

Im Herbst kehrten die Bühringers nach Göpfritz zurück. In der Dienstwohnung der Bahn konnten sie jedoch nicht wohnen – „dort waren Russen drin“. Sie mussten sich mit einem kleinen Zimmer in einem Bauernhaus begnügen. Mietzins zahlte Maria Bühringer von dem Geld, das sie durch ihre Arbeit bei Landwirten verdiente. Für die Stromkosten kehrte sie samstags den Hof. Für Adele begann im Herbst wieder der Unterricht. Ohne Hitlergruß und ohne Fliegeralarm.

Ich konnte die Schützen in den Pilotenkabinen sehen.

Adele Keckeis

Zur Person

Adele Keckeis
reiste in der Silvesternacht 1960 mit dem Zug nach Vorarlberg und blieb.
Geboren: 12. November 1936
Wohnort: Götzis
Beruf: Hausfrau
Familie: verheiratet seit 53 Jahren, 3 Söhne