Anders betrachtet ist es auch Liebe

Kultur / 19.05.2015 • 22:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
„Lantana“ von Andrew Bovell wurde gestern Abend am Vorarlberger Landestheater erstmals aufgeführt. Foto: LT/Köhler

Zum Finale setzte das Landestheater sein Publikum gestern Abend auf die Bühne.

Christa Dietrich

Bregenz. Liebende und Geliebte, Betrogene und Betrüger, Opfer und Täter – um derlei Konstellationen auf die Bühne zu bringen, braucht der Australier Andrew Bovell nicht viele Figuren. In „Lantana“ oder „Speaking in Tongues“ sind es gerade einmal zwei bzw. drei Paare und ein paar Zusatzgestalten. Dass das Thema Partnertausch in der Literatur die gesamte Bandbreite von der Komödie bis zur Tragödie umfassen kann, wissen wir von vielen Stücken. Erfahren die handelnden Personen erst nach dem Seitensprung oder der Affäre, wie eng sie miteinander verstrickt sind, geht die Verletzung meist tiefer. 

Dass im gleichnamigen, im Jahr 2001 herausgebrachten Film weit mehr Wunden aufgerissen werden als in jener Bühnenfassung des Stücks, die das Vorarlberger Landestheater nun zum Saisonfinale präsentiert, liegt einerseits daran, dass ein weiterer krimineller bzw. dunkler Handlungsstrang auf der Bühne kaum Platz findet, andererseits an der Tatsache, dass man in Bregenz bei der Wahl des Podiums einen außergewöhnlichen Weg ging. Gespielt wird nämlich in den Zuschauerreihen, während das Publikum, in Reih und Glied auf der Bühne postiert, einmal auf die Schauspieler hinunterblickt.  

In samtgrauen Wellen

Ein plausibler Grund für die geänderte Perspektive lässt sich nicht erkennen. So bleibt die Vermutung, dass anstelle der abgesagten Produktion „Das Ballhaus“, die eher circensisch konzipiert war, und für die man das Haus ursprünglich überhaupt verlassen wollte, etwas gefunden werden musste, das von der üblichen Struktur abweicht.

Freilich, der Blick auf die samtgrauen Sitze, die sich wie Wellen ausmachen und auf die harmonisch geschwungene Empore hat etwas. Viel Spielraum bleibt den Akteuren allerdings nicht. Die für die Kostüme verantwortliche Aleksandra Kica muss ziemlich bunt auftrumpfen, damit man die Figuren überhaupt sieht und entrückt die gesamte Szene durchaus passend zuweilen ins Opernhafte, Sabine Freude und Gerhard Fischer verlassen sich auf das Licht, mit dem sie hie und da grandiose Stimmungen erzeugen, und Regisseur Steffen Jäger muss danach trachten, dass seine Schauspieler in der Lage sind, mit der Stimme alles auszudrücken, was es auszudrücken gilt.

Musikalischer Aspekt

Abgesehen davon, dass sie es sind, mag es Jäger geholfen haben, dass er das Stück im Reinhardt-Seminar bereits einmal auf mehr oder weniger nacktem Podium entwickelte. Damals war bereits ein starker musikalischer Aspekt zu entdecken, der auch hier zum Tragen kommt. Ivo Bonev, inzwischen so etwas wie der Arrangeur am Landestheater, macht den Raum einmal zu einer schummrigen Bar, dann wieder zu einer Showbühne. Der Kitsch ist nicht ausgeschlossen, drängt sich aber nicht in den Vordergrund.

Starke, kleine Momente

Mit Markus Subramaniam hat man einen Sängerschauspieler, der mit tiefer Stimme und im femininen Glitzeroutfit jenes Diffuse ins Spiel bringt, mit dem die Regie Deutungen subtil verwischt. Im Grunde genommen sind es ja einfache Geschichten. Man hat sich ein wenig auseinandergelebt, liebt sich dennoch oder liebt sich nicht mehr, findet aber nicht gleich die entsprechenden Worte. Steffen Jäger stellt seine Menschen nicht bloß, übertüncht so manches Grobe aber nicht. Letztendlich bleiben für jenen Teil des Publikum, der sich darauf einlassen wollte und am Ende heftig applaudierte, kleine, sehr starke Momente, für die weiters Laura Mitzkus, Roman Schmelzer, Zeynep Buyrac, Murali Perumal, Jan Cerha, Okan Cömert und Steffi Staltmeier verantwortlich sind.

Den Perspektivenwechsel (samt Tänzer) hat es nicht unbedingt gebraucht, er schadet aber auch nicht, denn auch anders betrachtet geht es um Liebe, wie sie uns im Leben begegnet, und wie wir uns täuschen.

„Lantana“ von Andrew Bovell wurde gestern Abend am Vorarlberger Landestheater uraufgeführt. Foto: LT/Köhler
„Lantana“ von Andrew Bovell wurde gestern Abend am Vorarlberger Landestheater uraufgeführt. Foto: LT/Köhler

Weitere Aufführungen des Stücks ab 24. Mai am Bregenzer Kornmarkttheater: Dauer: 1,5 Stunden. www.landestheater.org