Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Das gibt es

Vorarlberg / 19.05.2015 • 20:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Tage, die vor dem Frühstück schon altern. Die Nachrichten berichten von einer Erdbebenkatastrophe. Hände, die aus dem Boden nach Hilfe suchen, bedrängen mich. Und dann bei meinem Spaziergang: Die Bergrettung kommt mir mit einem Mann, den ich kenne, entgegen. Er liegt auf einer Bahre, ist weiß im Gesicht, mit einer Silberfolie ist er zugedeckt. Ein paar Kehren denke ich an ihn, der trotz seines hohen Alters bei jeder Witterung auf den Berg gegangen ist. Hoffe, dass er nicht tot ist. Dann kommt mir ein zweiter Mann entgegen, der mir bekannt ist, immer gut aufgelegt, heute sieht er bekümmert aus. Nach achtundzwanzig Jahren ist er gekündigt worden. Er hat in einer Schweizer Firma gearbeitet, jetzt können sie ihn auf einmal nicht mehr brauchen. Vom Großen ins Kleine, denke ich, was kommt als nächstes? Traurig denke ich an die Verschütteten. Ich kann mich nicht auf den Weg konzentrieren, gehe im Kopf.

Ich muss verreisen, wo ich doch viel lieber zu Hause bleiben würde. Krame mein bestes Kleid hervor, das ich eine Ewigkeit nicht getragen habe. Der Reißverschluss klemmt. Ich schaue im Internet nach: Was tun, wenn der Reißverschluss klemmt? Mit Wachs einreiben. Das tue ich, was zur Folge hat, dass mehr kaputt ist als vorher. Ich trenne den Reißverschluss heraus, nähe stattdessen ein dehnbares Stück schwarzen Stoff ein. Es sieht gewöhnlich aus, deshalb nähe ich noch eine schöne Spitze darüber. Jetzt ist mir das Kleid zu eng. So trenne ich die Seitennähte auf, zerschneide einen fabelhaften Strumpf und nähe unter beide Achseln ein Stück. Sieht sehr ungewöhnlich aus. Ein schlecht genähtes Designerkleid. Ich kürze den Saum. Probiere erneut. Finde noch eine schadhafte Stelle. Spanne das Kleid in die Nähmaschine, meine Hände zittern, das Kleid verrutscht, ich nähe mir über den linken Mittelfinger. Es tut gar nicht weh, blutet aber so stark, dass ich damit eine Spur durch das Nähzimmer, in die Küche, dann ins Bad zum Sanitätskasten ziehe. Ich lege einen Druckverband an. Sehe mich auf dem Fliesenboden sitzen, bin zu erschöpft, das Chaos zu beseitigen, Blut und schwarze Fäden. Ich kann nicht aufstehen, und Tränen laufen mir über das Gesicht. Versagt. Sind das meine winzigen Sorgen?

Die Hände winken noch immer aus dem Erdreich, ich höre Kinder schreien, und der alte Mann fällt von der Bahre. Der Mann mit der Kündigung sitzt auf einer Bank und denkt über seine Zukunft nach.

Morgen werfe ich das Kleid in den Müll, denke ich, morgen, heute bin ich zu müde. Morgen bringe ich den Müll zum Abholen auf die Straße. Morgen wische ich das Blut weg. Da wird es eingetrocknet sein und schwer weggehen. Ich lege mich auf das Sofa, nur ein paar Minuten, dann will ich den Putzlumpen holen. Ich schlafe ein und kann das Leben nicht in einen Satz fassen.

Vom Großen ins Kleine, denke ich, was kommt als nächstes.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.