„Allein eine Nominierung ist schon wie ein Sieg“

Menschen / 20.05.2015 • 22:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der deutsche Regisseur gibt im Interview Einblicke in sein Filmprojekt „Elser“.

Berlin. (lh) In „Der Untergang“ beschäftigte sich Oliver Hirschbiegel mit der „Führerdämmerung“, dem Ende von Adolf Hitler. In Hirschbiegels neuestem Opus steht jener Mann im Mittelpunkt, der Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller töten wollte: Georg Elser. Der Welt wäre viel erspart geblieben. Aber das Attentat misslang.

Der deutsche Titel lautet schlicht „Elser“, auf Englisch heißt der Film „13 Minutes“?

HIRSCHBIEGEL: Weil Hitler die Veranstaltung früher verließ, die Detonation kam um 13 Minuten zu spät.

Bei der Berlinale lief „Elser“ außer Konkurrenz. Hat Sie das gekränkt?

HIRSCHBIEGEL: Gar nicht. Die Entscheidung von Direktor Dieter Kosslick war für mich total nachvollziehbar. Denn in diesem Jahr hätten wir mit diesem Thema vielleicht Wettbewerbsvorteile gehabt. Für mich war das wie eine Oscar-Nominierung: Allein eine Nominierung ist schon wie ein Sieg.

Die Vorbereitungsarbeiten für Ihre Filme erfolgen fast immer in Wien. Auch in diesem Fall?

HIRSCHBIEGEL: Nein, denn hier hatte ich kein Drehbuch zu schreiben. Es lag bereits eines vor. Von Léonie-Claire Breinersdorfer. Ich Wien bin ich dennoch regelmäßig, denn meine Kinder leben und studieren hier.

Klaus Maria Brandauer hat Georg Elser bereits 1989 ein filmisches Denkmal gesetzt.

HIRSCHBIEGEL: Ja, aber wir haben eine andere Erzählweise. Wir erleben, wie sich das NS-System wie eine Krake über das ganze Land legt – und einer hat das erkannt. Er war ein Ausnahmemensch, der wusste, was sich anbahnte, der merkte, dass der Nationalsozialismus Kreativität, Individualität und Freiheit nicht mehr zulassen würde. Für ihn war das spürbar, andere haben, vielleicht aus Angst, geschwiegen, und viele Intellektuelle haben das Land verlassen. Elser hat sich gesagt: Gut, wenn niemand was tut, dann mach’ es eben ich! Sein Plan war ungeheuer ausgeklügelt. Leider ging er schief.

Sie bezeichnen „Elser“
als „Heimatfilm“. Wie das?

HIRSCHBIEGEL: Diese Gedanken sind mir während des Drehs gekommen. Es ist dies auch eine Liebeserklärung an Deutschland, an das Deutschsein. Denn bei all der braunen Sauce, die immer wieder aufgeschüttet wurde: Es gab auch andere Deutsche. Wie diesen einfachen Tischler Georg Elser, der bereits 1938, fast hellseherisch, erkannte: Wenn dieser Mann, Adolf Hitler, nicht gestoppt wird, führt das in die Katastrophe.

Gibt es auch heutige Elsers?

HIRSCHBIEGEL: Edward Snowden würde ich in die Nähe rücken. Auch ein Mann, dem Prinzipien wichtiger sind als das eigene Leben. Er weiß, dass er vielleicht ins Gefängnis muss und fühlt sich auch mit dem Tod bedroht. Ironie des Schicksals ist, dass er just von einem diktatorischen System aufgenommen wurde. Eigentlich ein peinlicher Zustand. Ich wundere mich, dass kein westliches Land die Eier hat, zu sagen: Dieser Mann hat nach seinem Gewissen gehandelt! Auch Snowden ist ein Mensch, der – Stauffenberg hatte immerhin eine Gruppe – ganz allein steht. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie ich das respektiere.

Ihr aktuelles Projekt?

HIRSCHBIEGEL: Ein TV-Sechsteiler für den Weltmarkt. Eine Ost-West-Geschichte über Stasi, Spionage, Gegenspionage. Aber ebenso ein Familiendrama.