City of Hype

Politik / 20.05.2015 • 22:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wann, oh wann wird diese Stadt endlich wieder zur Ruhe kommen und zu ihrer nostalgisch-schläfrig-gemütlichen Identität zurückkehren? 70 Jahre Zweite Republik, 60 Jahre Staatsvertrag, Eurovision Song Contest und Life Ball, Wiener Festwochen, Rathaus-Filmfestival, Regenbogenparade, endlose öde Touristenströme in der Innenstadt und fette Reisebusse am Ring, und ein aufgeregtes und aufregendes Event jagt das andere in der Donaumetropole, von Kultur zu Party, der große Hype hat Wien mit eisernem Griff erfasst und lässt nicht wieder los.

Mit dem Life Ball (Motto: „Akzeptanz ist eine Tochter der Freiheit“) und dem Song Contest mit dem sympathischen Zwitterwesen Conchita Wurst als Mittelpunkt, mit Verkehrsampeln, die homosexuelle und lesbische Paare statt einsamer Heteros aufleuchten lassen, zelebriert sich die Donaumetropole als City of Hope, Hoffnung auf Toleranz, Akzeptanz, Freiheit, kurz, alles Schöne und Gute. Das „Rote Wien“ war ja immer schon progressiv, das galt, was die großen Infrastrukturprojekte betraf, selbst für den christlichsozialen Bürgermeister Karl Lueger, der aber dann als Erfinder des Antisemitismus als politisches Programm (und damit der übelsten Form der Intoleranz) zum Lehrmeister und Vorbild Adolf Hitlers wurde.

Vienna als City of Hope? Eher scheint es in diesen Tagen: Vienna: City of Hype. Gery Keszler, der den Life Ball von idealistischen, bescheidenen Anfängen zum Promi-Star-Glamour-Event geführt hat, traf mit seiner mutigen und erschütternden Rede am diesjährigen 23. Life Ball den Nagel auf den Kopf, als er unter dem Eindruck des Aids-Todes zahlreicher Freunde offen kritisierte, dass seine inzwischen gigantische und weltberühmte Charity-Inszenierung zur reinen Show, zur großen Party verkommen sei. Wer an jenem letzten Samstag, eingequetscht in eine auf seichten Genuss und überlaute Selbstdarstellung fixierte Menschenmasse auf dem Rathaus die Eröffnungsshow erlebte, musste zu genau diesem Schluss kommen.

Die Sezession, Klimt, dessen Beethofenfries und natürlich auch die „Goldene Adele“ waren die Themen des Life Balls. In Kürze wird der Film „Woman in Gold“ mit Helen Mirren über diesen spektakulärsten Restitutionsfall der Zweiten Republik in die Wiener Kinos kommen. Auch in diesem Film werden Dinge deutlich ausgesprochen: Nämlich dass die durch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel initiierte Restitutionspolitik letztlich nichts anderes als eine taktische Legitimierung seiner weltweit umstrittenen Koalition mit dem rechtsextremen Jörg Haider war. Dies wurde hinreichend deutlich in der Gestalt von Schüssels unbedarfter Kulturministerin Elisabeth („Liesl“) Gehrer, welche die Sache gründlich verbockt hatte: Ohne ihr stures Beharren auf einer juristisch und moralisch völlig unhaltbaren Position würde die (in jenem Film als „österreichische Mona Lisa“ bezeichnete) „Goldene Adele“, das zweitteuerste Gemälde der Welt, auch heute noch im Belvedere hängen und nicht als Prunkstück in Ronald Lauders „Neuer Galerie“ in Manhattan. Wo ich übrigens auf der Schrifttafel einen peinlichen Grammatikfehler ortete, den die einstige Volksschullehrerin „Liesl“ zweifellos sofort ganz dick mit Rotstift unterstrichen hätte. Denn zumindest damit wäre sie bestimmt nicht überfordert gewesen.

Dies wurde deutlich in der Gestalt von Schüssels unbedarfter Kulturministerin Elisabeth Gehrer.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).