Die Welt entdecken oder einmal anders sehen

Kultur / 20.05.2015 • 21:15 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Zeichnung von Johann Garber.  
Zeichnung von Johann Garber.  

Die Schau „under liner“ zeigt von Art Brut bis Kinderzeichnungen einen unverstellten Blick.

GÖFIS. Die Welt, und vielleicht auch ein bisschen die Kunst, neu entdecken und anders sehen kann man derzeit im Göfner milK_ressort. Unter dem Titel „under liner“ versammelt die Schau Art Brut, Außenseiterkunst und Kinderzeichnungen.

Unterm Strich . . .

Jenseits von Mainstream agiert man im ehemaligen Milchhüsle vogelfrei, indikatorisch und seismografisch. Auch die aktuelle Ausstellung „unterm Strich“ ist eine Eigenproduktion der von Künstler-Kurator Harald Gfader initiierten und betreuten Minikunsthalle und ein lang gehegtes Wunschprojekt, gemeinsam mit der Dornbirner Künstlerin Ch. Lingg konzipiert und realisiert. „Alles muss schnell gehen heute. Das Schauen, als unverstellter Blick auf die Welt, ist uns abhanden gekommen“, konstatieren Gfader und Lingg und legen der Schau diese ungefilterte Sicht auf die Dinge als Prämisse und Gemeinsamkeit zugrunde. Besonders deutlich tritt das in den Kinderzeichnungen zutage, denen im milK_ressort eine ganze Wandlänge gehört, und die Gfader und Lingg an Vorarlberger Kindergärten und Schulen zusammengesammelt haben.

Wenn bei Max die Welt Kopf steht, das Flüchtlingskind Nikola einen schwarzen Regenbogen malt, sich Xaver ein Schloss am Meer vorstellt, oder der fünfjährige Lorenz gebrochene Herzen so bildhaft-naiv zeichnet, dass es einem wirklich das Herz rührt, dann soll keineswegs das kindliche Bildschaffen plötzlich zur Kunst erklärt werden.

. . . unter den Teppich gekehrt

Vielmehr geht es darum, eben jene Kreativität zuzulassen und zu fördern, die im heutigen Unterrichtsplan kaum mehr Platz findet. Blumen, eine Pistole, ein Eis-Turnschuh, eine kleine Schlange, der verzerrte Blick auf einen Flusslauf oder die Roboter aus Abfallprodukten: Kinder gestalten ihre Welt, wie es ihnen gefällt. Auf Oberkante gehängt, thematisiert „under liner“ aber auch jene ursprüngliche, spontane Kreativität, die aus einem tiefen menschlichen Bedürfnis heraus entsteht und doch oft unter den Teppich gekehrt bzw. „vergessen“ wird. Dazu zählen die Arbeiten, die seit einigen Jahren im ARTelier Vorderland, einer Einrichtung der Lebenshilfe Vorarlberg, betreut von Ch. Lingg, entstehen und keineswegs unter dem Aspekt der jeweiligen Behinderung gesehen werden wollen.

Dazu sind die Bildäußerungen auch viel zu eigenwillig, wie das „Schnabelkrokodil“ von Lukas Moll, die nach kleinformatigen Vorlagen entstehenden, akkurat gezeichneten architektonischen Blätter der 70-jährigen Irmgard Welte, die großartig komprimierten Bildverdichtungen in Farbkästchen von Elisabeth Graß oder die tiefschwarzen Grafitarbeiten mit ihrem ausdrucksstarken Duktus, für die Daniel Nesensohn 2014 eine internationale EUWARD-Nominierung bekommen hat.

Harmlose Waffen

Den dritten Part in der Ausstellung und die Stirnseite des Raumes besetzen Außenseiter- und Art-Brut-Künstler. Auch hier stehen Unmittelbarkeit und Authentizität, Unangepasstheit der Formensprache im besten Sinn des Wortes, im Vordergrund. Wie beispielsweise in
den Kunstkalenderübermalungen von François Burland, dessen „Atomic Submarine“ im vergangenen Jahr in der Johanniterkirche geschwommen ist, oder in der Pistole des französischen Künstlers André Robillard, dem Erfinder von harmlosen, nicht zum Töten gebauten Waffen aus Fundstücken, Schrott und Abfall.

Mit Johann Garber (geboren 1947) und Johann Hauser (1926-1996) sind auch zwei bekannte Gugginger Künstler als Exponenten der Art Brut zu sehen. Während Garbers Blätter von sorgfältig gezeichneten Details überquellen, hat Johann Hauser, der schon früh ein Star unter den Guggingern war, den Strich zu seinem Markenzeichen gemacht. Wenn Jean Dubuffet, der französische Maler, der den Begriff der Art Brut prägte, gemeint hat: „Art Brut ist Art Brut, und jeder weiß, was gemeint ist. Oder vielleicht nicht ganz? Gerade das weckt die Neugier, es sich selbst anzuschauen“, so sei das unterm Strich auch in Göfis empfohlen.

asdf Foto: ???
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Zusammengetragen in Vorarlberg: Kinderzeichnungen.  Fotos: AG  
Zusammengetragen in Vorarlberg: Kinderzeichnungen. Fotos: AG  
   
   

Die Ausstellung wird am Fr, 22. Mai, um 19 Uhr im milK_ressort, Alte Sennerei, Agasella 8, in Göfis eröffnet. Geöffnet bis 26. Juli, jeweils So, 14 bis 17 Uhr, sowie nach Vereinbarung unter 0664 5141286.