Feuer am Dach, Rauch im Keller

Vorarlberg / 20.05.2015 • 21:22 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gleich nach der Befreiung begannen Bregenzer, den zerstörten Stadtteil aufzubauen. STADTARCHIV BREGENZ  
Gleich nach der Befreiung begannen Bregenzer, den zerstörten Stadtteil aufzubauen. STADTARCHIV BREGENZ  

Dem Bub war klar: Wer im Keller bleibt, wird ersticken. Er musste etwas unternehmen.

Heidi Rinke-Jarosch

schwarzach. Abführmittel als Süßigkeitenersatz, Flucht aus der Wohnung und dann aus dem Luftschutzkeller, jubelnde Franzosen nach der Kapitulation: Jörg Ludescher erlebte das Kriegsende  als 13-Jähriger in Bregenz.

1945 lebte Jörg Ludescher mit seiner Mutter in einer Dienstwohnung im „Grünen Haus“ der Landesregierung. Die Mutter arbeitete dort im Amt für Entschuldung und Aufbau. Der Vater war als Zollwachoberkontrolleur an verschiedenen Grenzen tätig und äußerst selten zu Hause.

Jörg besuchte die 3. Klasse Hauptschule. Heulten die Sirenen, wurde der Unterricht abgebrochen. Der Bub ging gerne zur Schule, weil dort täglich Erbsensuppe ausgegeben wurde. „Damit hatten wir etwas Warmes im Magen, und das ärgste Hungergefühl war weg.“ Er erinnert sich auch an die heftige Sehnsucht nach Süßem, die mit zuckerhaltigen Halswehtabletten aus der Apotheke gemildert wurde. Bis der Lehrer draufkam und den Apotheker informierte. „Dann entdeckte ein Klassenkamerad etwas viel Besseres: Darmol, mit Schokolade überzogene Abführtabletten.“ Dem Lehrer fiel auf, dass seine Schüler erstaunlich oft aufs Klo mussten. So kam auch dieser „Drogenmissbrauch“ heraus. Schlussendlich stillten die Franzosen die Süßigkeitsgelüste der Kinder mit Schokolade und Keksen.

Gefahr im Luftschutzkeller

Erste Truppen der französischen Armee passierten die ehemaligen Grenzübergänge Hohenweiler und Hörbranz am 30. April 1945 und marschierten Richtung Bregenz. An der Klause wurden die Soldaten durch eine Sperre aufgehalten, die abziehende Wehrmachts- und SS-Verbände errichtet hatten. Nach dem Ablauf mehrerer Ultimaten, die Sperren wegzuräumen, kam es in der Früh des 1. Mai zuerst zum Artilleriebeschuss der Stadt, dann warfen Flugzeuge Bomben – auch mit Brandsatz – auf das Zentrum. Die Folge waren 72 zerstörte Gebäude. Am gleichen Tag führten mutige Bregenzer Bürger eine französische Einheit über den Haggen nach Bregenz.

Jörg und seine Mutter saßen seit dem Morgen des 30. April mit einer Gruppe älterer Nachbarn im hauseigenen Luftschutzkeller. Der Raum war klein und mit einer soliden Tür sowie einem Notausgang, den eine dicke Betonplatte verschloss, versehen. Auf einmal füllte sich der Kellerraum mit Rauch. „Mir wurde klar: Wir ersticken, wenn wir im Keller bleiben.“ Der 13-Jährige spurtete die Stiegen hinauf zum Haupteingang. „Von dort sah ich Flammen auf dem Dach unseres Hauses und brennende Holzteile und Ziegel auf die Straße fallen.“ Er kehrte in den Keller zurück, wo sich die Rauchentwicklung verstärkt hatte. Ihm gelang es, die den Notausgang abdeckende Betonplatte nach außen zu kippen. Alle verließen das gefährliche Verlies, eilten in den Luftschutzstollen auf der anderen Seite der Montfortstraße und verharrten dort, bis ein französischer Soldat auftauchte. Er fragte nach Wehrmachtssoldaten. „Da waren keine, sondern nur Frauen und Kinder.“ Der Soldat befahl den Leuten, zu bleiben, wo sie waren. „Stunden später war er wieder da und sagte, wir können den Bunker verlassen.“

Die Innenstadt brannte, als sich Mutter und Sohn Ludescher zum Grünen Haus begaben. Der Dachstuhl stand noch in Flammen, „so zogen wir für ein paar Tage zu meiner Großmutter, die im Sporthaus am See – heute heißt es Wirtshaus am See – gewohnt hat.“ Das Sporthaus hatten die Besatzer bereits beschlagnahmt. In den unteren Räumen wohnten französische Offiziere, im ersten Stock sechs Marokkaner. Die Großmutter und ihre Angehörigen durften in der Mansarde bleiben. Für die Frauen seien die dunkelhäutigen Männer „ein bisschen unheimlich“ gewesen, erzählt Jörg Ludescher. „Die Marokkaner haben sich jedoch korrekt verhalten.“

Am 5. Mai, dem Tag der Kapitulation, jubelten die Besatzer laut Jörg Ludescher „La Guerre est finie!“ – der Krieg ist vorbei – und paradierten durch die Stadt. „Da war auch für uns der Krieg vorbei. Und das Leben nahm seinen Verlauf.“

In der Schule wurde täglich Erbsensuppe ausgegeben.

Jörg Ludescher

Zur Person

Jörg Ludescher
absolvierte eine Lehre in der Schwarzacher Taschentuchfabrik Böhler und ließ sich danach zum Nähmaschinenmechaniker ausbilden.
Geboren: 10. September 1932
Wohnort: Schwarzach
Familie: verheiratet mit Maria

Quelle für Hintergrundinfos: „Nationalsozialismus in Vorarlberg“, Meinrad Pichler, StudienVerlag und erinnern.at