Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Hilfe

Vorarlberg / 20.05.2015 • 18:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Frau Ammann hätte mich vorwarnen sollen, platzt einfach herein mit einem tonnenschweren Thema und erwischt mich auf dem linken Fuß. Grade noch hatten wir über Windeln im Alter geredet und jetzt geht’s schon ums Sterben. Ziemliches Gedränge vor dem Ausgang … Es geht um BeiHILFE.

Dabei sind wir doch butzgsund, Frau Ammann, sage ich, wir sollten ans Leben denken, Frühling, Bienen, fliegende Röcke, all sowas. Gehört halt zum Leben, das Sterben, sagt sie und schiebt ein Lächeln nach, das keine Ängste kennt. Woody Allen ist auch keine große Hilfe: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Es ist nur so, dass ich nicht dabei sein will, wenn es geschieht.“

Wir sollten trotzdem drüber reden, sagt sie, so lange wir noch klar sind im Kopf. Sie hat ihre Mama sterben sehen, „bitte, keine Magensonde“, hatte sie noch auf eine Serviette gekritzelt, Reden ging nicht mehr, Schlucken auch nicht. Keine Versöhnung in ihren Augen. Den Ärzten bleibt keine Wahl, sagt sie, aber auch sie wissen, dass Lebensverlängerung oft genug Leidensverlängerung bedeutet und damit Entwürdigung. Prekäre Situation auch für den Gesetzgeber. „Suizid ist straffrei“, sagt er. Ganz schön anmaßend, sagt Frau Ammann, wie soll man auch einen Toten noch bestrafen?

Für Beihilfe zum Suizid gibt’s bis zu fünf Jahre Gefängnis, obwohl jeder weiß, dass kein Mörder am Sterbebett saß, sondern Liebe und Mitleid. Selbst der Gesetzgeber stutzt da kurz und rudert zurück, mit Ausnahmefällen, Milderungsgründen, entschuldigendem Notstand, usw. Nicht einmal die Ethikkommission konnte sich durchringen, ein ausdrückliches Verbot der Sterbehilfe zu empfehlen. In einer Sache wenigstens gibt es einen kollektiven Konsens: Massive Investitionen in Palliativmedizin und Hospizwesen sind der beste Garant für ein Sterben in Würde. Ich bin kein Arzt, aber ich denke, auch starke Schmerzmittel sind Befreier und wohl auch Beschleuniger zum Ende hin, beides im Einklang mit psychologischer Betreuung stützt die Würde des Sterbenden. Nur darum geht es.

In dieser Endzone sollten sich nur Empathie, Wärme und Trost aufhalten dürfen und nicht der Staat und die Kripo. Der Disput ist schon aufwühlend genug, er sollte uns nicht verführen, die Verfassung zu bemühen, um in Stein zu meißeln, was noch nicht zu Ende gedacht ist.

Ich habe keine Angst vor dem Tod. Es ist nur so, dass ich nicht dabei sein will, wenn es geschieht.

reinhold.bilgeri@vorarlbergernachrichten.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.