Andreas Scalet

Kommentar

Andreas Scalet

Wasser predigen Wein verkaufen

Markt / 20.05.2015 • 22:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Gar nicht so selten klaffen der eigene Anspruch und die tatsächlich gelebte Praxis auseinander. In den USA fielen nicht nur einmal Fernsehprediger auf, die ihren eigenen Ansprüchen in keiner Weise gerecht wurden. Und in der katholischen Kirche gibt es immer wieder Schlagzeilen, weil Priester den Gläubigen Wasser predigen und Wein trinken. Von Politikern soll hier gar nicht die Rede sein: Ein noch amtierender Volksvertreter entschuldigte vor Kurzem nicht eingehaltene Versprechen damit, dass diese „im Wahlkampf abgegeben wurden. Und da herrscht Ausnahmezustand“.

 

Dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, beruhigt aber auch unser Gewissen, weil wir hohen Ansprüchen, die an uns gestellt werden, nicht immer gerecht werden. Und es holt jene vom Sockel, die uns nur allzu oft sagen wollen, wohin die Reise geht. Die genannten Beispiele sind augenfällig, weil sie besonders dreist sind.

 

Es gibt aber auch in anderen Bereichen Paradoxa, also Widersprüchlichkeiten, die durchaus interessant sind. Etwa wenn Unternehmen, die ständig gegen den fairen Wettbewerb verstoßen, mit dem Finger auf die Konkurrenz zeigen. Oder Globetrotter, die mit dem Flugzeug um die Welt jetten, um sich im Regenwald an einen Baum zu ketten, weil Einheimische eine Waldfläche roden, weil sie Ackerland brauchen.

 Paradox ist auch, dass es in der jüngeren Vergangenheit oft Spitzengewerkschafter waren und nicht Unternehmervertreter, die sich üppig aus den Kassen der Mitglieder bedienten und sich Luxuspenthäuser und Appanagen in Millionenhöhe genehmigten. Dass sie damit Unternehmen in den Abgrund stürzten, ist wiederum weniger paradox. Es bestätigt nur, dass man im Funktionärselfenbeinturm oft weit von der Realität entfernt ist.

 

Widersprüchlich ist aber auch die Tatsache, dass ausgerechnet unter den Unternehmern in der Werbe- und Kommunikationsbranche der Anteil von Grün-Symphatisanten außerordentlich groß ist. In Vorarlberg wie auch in der Bundeshauptstadt stellt die Grüne Wirtschaft den Obmann in der Fachvertretung der Wirtschaftskammer. Honorige und nette Menschen hie wie da. Und doch macht das Wahlergebnis stutzig. Ist es nicht nachgerade Aufgabe dieser Branche, den Konsum anzukurbeln, das Wachstum zu stimulieren und uns überhaupt Produkte anzudienen, die was anderes versprechen, als sie halten? Geht das konform mit den hohen politischen Ansprüchen, oder verheißen diese Prediger, was sie selbst gar nicht glauben?

Globetrotter, die mit dem Flugzeug um die Welt jetten, um sich im Regenwald an einen Baum zu ketten.

andreas.scalet@vorarlbergernachrichten.at, 05572/501-862