Bangen um ein Weltkulturerbe

Politik / 21.05.2015 • 23:02 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die archäologischen Stätten von Palmyra in Syrien waren ein Touristenmagnet. Am Donnerstag wurden sie von der Terrormiliz IS überrannt. FOTO: AP
Die archäologischen Stätten von Palmyra in Syrien waren ein Touristenmagnet. Am Donnerstag wurden sie von der Terrormiliz IS überrannt. FOTO: AP

IS-Terrormiliz in Syrien erobert Palmyra. Zerstörung einmaliger Kulturgüter befürchtet.

Damaskus. (VN) Die berühmten archäologischen Stätten nahe der syrischen Oasenstadt Palmyra sind in der Hand der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Die Extremisten überrannten das zum Unesco-Weltkulturerbe zählende Gelände am Donnerstag, wie die Beobachtungsstelle für Menschenrechte und weitere Aktivisten mitteilten. Bislang seien die Ruinen nicht beschädigt worden. Es gibt aber Befürchtungen, dass die Extremisten die Stätten zerstören könnten.

Ähnlich waren sie bereits im Irak verfahren: Die heutige nordirakische Provinz Ninawa war im alten Orient Zentrum früher Hochkulturen. Im Februar zerstörte der IS im Museum der Stadt Mossul und an der Grabungsstätte Ninive Jahrtausende alte Statuen aus assyrischer Zeit.

Die „Braut der Wüste“

Die archäologische Anlage südwestlich der syrischen Stadt Palmyra ist bekannt für ihre 2000 Jahre alten Kolonnaden, die aus der Zeit des alten Roms stammen. Darüber hinaus gibt es in der historischen Stätte etliche andere Ruinen und unschätzbar wertvolle Artefakte. Vor dem syrischen Bürgerkrieg kamen jährlich Tausende Touristen in das Wüstengebiet, um die Stätte zu bestaunen. Die Syrer nennen sie stolz „Braut der Wüste“.

Der für Antiquitäten und Museen zuständige syrische Generaldirektor Maamun Abdulkarim sagte, er gehe davon aus, dass die Extremisten die Stätte zerstören werden. Arbeiter hätten zuvor Hunderte Statuen und Meisterwerke sicher nach Damaskus transportieren können. Die Kolonnaden, Tempel und Grabstätten könnten nicht gerettet werden.

Der Gouverneur der Provinz Homs, Talal Barsai, sagte, viele Einwohner von Palmyra flüchteten in die Stadt Homs und die Hauptstadt Damaskus. Die syrische Armee sei außerhalb der Stadt, von wo aus sie den Nachschub des IS ins Visier nehme.

Der Fall der Stadt nach den eine Woche andauernden Kämpfen ist nicht nur wegen der kulturellen Bedeutung von Palmyra ein enormer Verlust für die Regierung des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. Sie macht den Extremisten auch den Weg frei, um auf wichtige, von der Regierung gehaltene Gegenden wie Homs und Damaskus vorzurücken. In der Region gibt es außerdem mehrere wichtige Gas- und Ölfelder.

Flüchtlingsstrom erwartet

In Palmyra leben rund 65.000 Menschen. Nun werde ein Flüchtlingsstrom erwartet, sagte Barsai. Bei ihrem Sturm auf Palmyra überrannten die Extremisten auch das berüchtigte Gefängnis Tadmur, in dem Tausende syrische Regimekritiker einsaßen und misshandelt wurden.

In einem online gestellten Video ist zu sehen, wie IS-Kämpfer vermutlich im Gefängnis ein riesiges Assad-Poster anzünden. Aktivist Bebars al-Talawy sagte, die Regierung habe vor Kurzem Tausende Gefangene von Palmyra nach Damaskus gebracht. Allerdings hätten die IS-Kämpfer einige der noch Inhaftierten befreit. Vermutlich seien noch immer Tausende Gefangene dort. Die Eroberung ist der zweite große Erfolg des IS innerhalb weniger Tage nach der Einnahme der irakischen Stadt Ramadi.