„Komponieren ist auch eine ziemliche Schweißarbeit“

Kultur / 21.05.2015 • 20:15 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wolfgang W. Lindner hat sich durch Musik gefunden. Foto: JU  
Wolfgang W. Lindner hat sich durch Musik gefunden. Foto: JU  

Wolfgang W. Lindner über sein Leben zwischen Schlagzeug und Komposition.

FELDKIRCH. (ju) Nach einem einwöchigen Spitalsaufenthalt geht er momentan noch auf Krücken, hält dennoch wie gewohnt seinen Unterricht im Konservatorium ab, denn es stehen ja wichtige Prüfungen und ein Wettbewerb an, wo er unabkömmlich ist. Wolfgang W. Lindner (62) ist nicht der Typ, der sich gleich ins Bett legt, wenn seine zehn Studenten ihn brauchen. Als begeisterter Pädagoge am Schlagzeug, bei dem es besonders auf vehementen Körpereinsatz ankommt, braucht er seine Mobilität, seine geistige, körperliche und vor allem künstlerische Freiheit. Auf dieser Grundlage entstehen auch Arbeiten für seinen zweiten Job als anerkannter Komponist Neuer Musik, die demnächst bei zwei Konzerten im Land zu hören sind.

Pop und Jazz

„Im Unterbewusstsein habe ich mich zuerst für die Komposition und dann erst für das Schlagzeug interessiert“, erinnert sich Lindner im VN-Interview. Eine zaghafte Karriere auf der Blockflöte endete mit einer Ohrfeige des Lehrers, weil er wieder mal nicht geübt hatte. So wandte sich der 16-Jährige in der Beatles-Zeit am Drum-Set dem Pop, später als Vibraphonist dem Jazz zu und erhielt in Salzburg und München auch eine fundierte Ausbildung als Schlagwerker und Komponist. Er spielte dort u. a. im „Österreichischen Ensemble für Neue Musik“ und bekam durch prominente Leute wie Cesar Bresgen, George Crumb und Carl Orff Anregungen im Komponieren. „Das entsprach genau meinem Drang, mich in der Musik persönlich auszudrücken, vor allem im Jazz mit seiner spontanen Improvisation, von der ich mir bis heute viele Anregungen hole.“

Dabei findet Wolfgang Lindner auch die Zelle, die Ideen, wie er ein Stück Musik angeht, bevor es dann in der Entwicklung in ihm fließt. Hintergründe dazu stammen aus seiner Befassung mit philosophischen Themen zur Wahrheitsfindung. Das Handwerkliche hat ihm Herbert Willi beigebracht, bei dem er sein Studium am Konservatorium vor zwei Jahren mit dem Diplom abgeschlossen hat, als Schüler der Anstalt, in der er seit 1978 eine Schlagzeugklasse unterrichtet. „Die Freundschaft mit Herbert Willi ist für mich nach wie vor sehr befruchtend“, resümiert Lindner heute. „Das Wichtigste dabei war die Erkenntnis, die Quelle aus sich selbst zu schöpfen. Man muss seine eigene Musik finden und damit sich selbst. Komponieren ist für mich also eine Art Psychotherapie.“

Gemäßigter geworden

Das Stück liegt bei ihm meist komplett im Kopf vor, bevor das Abrufen erfolgt, die Rückholung, das Festhalten. „Das ist dann eine ziemliche Schweißarbeit. Wenn man es aber geschafft hat und erstmals die Uraufführung hört, ist es ein wunderschönes Gefühl.“

Seit ca. 15 Jahren, seitdem er weniger als Schlagzeuger etwa im SOV oder in St. Gallen unterwegs ist, hat Lindner mehr Ruhe und Zeit für das Komponieren gefunden. In seiner Tonsprache versucht er vor allem er selbst zu sein: „Ich bin, vielleicht bereits in einer Art Altersweisheit, in meiner Ausdrucksweise eher gemäßigter geworden. Ich möchte schon eine gewisse Verständlichkeit erreichen, aber ohne darauf zu achten, meine Zuhörer nicht zu verschrecken.“

Mit dem „ÖENM“ und danach mit Fuat Kent oder dem Festival „Zeitklänge“ hat Lindner zuletzt selber viele Uraufführungen im Land angeleiert und gespielt, heute ist er dankbar, dass es als einzige Möglichkeit im Moment noch das rührige „ensemble plus“ gibt. Dessen Leiter, der Bratschist Andreas Ticozzi, wird beim ersten Konzert am 28. Mai Lindners Solostück „Lied der Sirenen“ spielen, mit einem Thema aus der griechischen Mythologie. Am 13. Juni gibt es im Kapuzinerkloster Feldkirch mit Klaus Christas „Violazirkus“ eine Uraufführung für acht Bratschen, „Fidelis Betrachtungen“. Sie ist dem Patron dieser Kirche gewidmet. Lindner hat versucht, die strenggläubige Gesetzestreue dieses Heiligen ebenso wie seine Rolle in der Gegenreformation musikalisch zu deuten.

Ich möchte schon Verständlichkeit erreichen.

Wolfgang W. Lindner

Zur Person

Wolfgang W. Lindner

Geboren: 1952 in Salzburg

Ausbildung: Mozarteum Salzburg, Musikhochschule München

Tätigkeit: Spielte in zahlreichen Spitzenorchestern und Kammermusikensembles, Gründer des Ensembles „VorAllPercussion“, seit 1978 Professor für Schlagzeug am Konservatorium; komponierte Sololiteratur, Kammer-, Chor- und Orchestermusik

Wohnort: Göfis

Konzerte mit Werken von Wolfgang W. Lindner: 28. Mai, 20 Uhr, ORF-Funkhaus Dornbirn, Neue Musik im Gespräch (ensemble plus);
13. Juni, 17 Uhr, Kapuzinerkirche, „Pforte von morgen“ (Klaus Christas „Violazirkus“)