„Rush hat mich und mein Leben total verändert“

Menschen / 21.05.2015 • 23:20 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Daniel Brühl über die Vorbereitungen zu seinen neuesten Film und persönliche Krisen.

Berlin. (lg) Das römische Höchstgericht hat jüngst die Amerikanerin Amanda Knox endgültig freigesprochen. Sie war angeklagt, im November 2007 die 21-jährige britische Studentin Meredith Kercher ermordet zu haben. Viele Fragen sind geblieben. Michael Winterbottom stellt sie in seinem neuesten Film „Die Augen des Engels“, in dem er sich mehr mit dem Opfer beschäftigt. Daniel Brühl
verkörpert einen Filmemacher, der nach der Wahrheit sucht.

In „Rush – Alles für den Sieg“ haben Sie zuletzt die internationale Filmwelt verblüfft. Als Niki Lauda waren Sie fast echter als der echte. Sie beide sind mittlerweile gut befreundet. Haben Sie Niki in letzter Zeit getroffen?

BRÜHL: Das letzte Mal ist jetzt schon länger her. Aber es gibt eine schöne Geschichte. Ich war kürzlich in Argentinien und nahm mir ein Taxi. Der Fahrer schaute mich an und fragte: „Sind Sie Niki Lauda?“ Dann machte er die Lenkertür auf und bettelte: „Bitte, fahren Sie mein Taxi!“ Ich antwortete: „Ich schwöre Ihnen, dass ich nicht Niki bin. Und ich bin ein so schlechter Autofahrer, dass ich Ihre Karre zu Schrott fahren würde.“ Nützte nichts. Er nahm es mir nicht ab. Ich gab nach. Doch spätestens nach hundert Metern muss er gemerkt haben, dass ich wirklich nicht Niki war.

In „Die Augen des Engels“ spielen Sie eine ganz andere Rolle, nämlich den jungen Filmregisseur Thomas Lang, der im berühmten Mordfall in Italien die Geschichte seines Lebens gefunden hat. Glaubt er. Denn je mehr er sich in den Fall vertieft, desto mehr verliert er sich darin. Der „Fall Amanda Knox“ ist die Basis für das Projekt, doch die Romanvorlage „Angel Face“ von Barbie Latza Nadeau und die Verfilmung von Michael Winterbottom gehen eigene Wege. Wie sind Sie diese Aufgabe angegangen?

BRÜHL: Indem ich viel Zeit mit Winterbottom verbrachte – und seinem alter ego. Denn dieser Journalist Thomas Lang ist sein alter ego. Michael hat es zwar immer abgestritten. Aber für mich war er es. Vieles ist persönlich, auch die Krise, die Thomas Lang durchmacht. Ähnliche Krisen kenne ich auch von mir, da war vieles, was ich nachvollziehen konnte. Hauptgrund aber, hier Ja zu sagen, war vor allem die Lust, mit diesem schrägen Vogel Winterbottom zu arbeiten.

Sie haben vorher eigene Krisen angedeutet. Was ist da passiert?

BRÜHL: Albträume wie den Regisseur in „Die Augen des Engels“ verfolgten mich nicht, ich bin auch nicht – wie er – im Drogensumpf gelandet. Aber vor ein paar Jahren war ich mit meiner Rollenauswahl nicht zufrieden. Man ist oft so abhängig von dem, was an einen herangetragen wird. Ich fand auch deutsche Filme eine Zeitlang nicht spannend genug. „Rush“ kam da zum genau richtigen Zeitpunkt. Dieser Film hat mich und mein Leben total verändert. Auf einmal bekam ich Angebote, die man mir sonst nie gemacht hätte.

Heute haben Sie jedenfalls viele Füße in vielen Türen?

BRÜHL: Ja, heute macht alles totalen Spaß. Ich kann es nicht anders sagen. Hätte mir einst in irgendeinem Zirkus eine Frau mit Glaskugel diese Karriere prophezeit, ich hätte sofort mein Geld zurückverlangt. Es ist einfach toll, mit so vielen exzellenten Menschen zu arbeiten.

Haben Sie sich während der Dreharbeiten oft Gedanken über den echten Mordfall Amanda Knox gemacht?

BRÜHL: Ich habe mich geärgert, dass ich, wie so viele andere auch, dieser Sache auf den Leim ging. Klar, man ist von einer solchen Geschichte fasziniert. Und von ihrer Austauschbarkeit. Da geht ein junges Mädchen irgendwohin ins Ausland, und dann passiert eine so fürchterliche Sache.

Gab es in Italien spezielle Vorbereitungen?

BRÜHL: Dort habe ich mich sehr mit den Hintergründen beschäftigt. Leidenschaftlicher. Heute bin ich neutraler. Was die Rolle betrifft, interessierten mich fraglos die Aspekte Journalismus und Boulevard, und die Vehemenz, mit der sich die Figur Thomas Lang in den Fall hineinsteigert. Und der bleibt nach wie vor ein heißes Thema. Meine Partnerin Kate Beckinsale, sie verkörpert eine Journalistin, und ich ließen uns vor Ort zehn Journalisten vorstellen, und es stellte sich bei einem Abendessen heraus, dass es da zwei Lager gab. Die gingen sich richtig ans Leder, es gab hitzige Debatten an diesem Abend. Kate und ich waren danach richtig platt.

Abschließend noch eine letzte kurze Frage zum wirklichen Mordfall Amanda Knox. Gibt es, glauben Sie, e i n e Wahrheit?

BRÜHL: Es gibt sie. Nur glaube ich nicht, dass sie je ans Licht kommen wird.