„Das Gesicht war zertrümmert“

Vorarlberg / 22.05.2015 • 21:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Halten fest zusammen: Lothar Flatz und seine Freundin. Foto: vn/steurer
Halten fest zusammen: Lothar Flatz und seine Freundin. Foto: vn/steurer

Nach schwerem Arbeitsunfall genießt
Lothar Flatz heute wieder das Leben.

Vandans. (VN-kum) Lothar Flatz öffnet die Tür. Der erste Eindruck: ein kräftiger, attraktiver Mann. Aber über seine Stirn verläuft eine tiefe Narbe. Auch die Zahnlücken fallen auf. Seine Makel rühren von einem schweren Arbeitsunfall her. Bei diesem wurde sein Gesicht gleichsam zertrümmert.

Es war Anfang Oktober vergangenen Jahres: Auf einer Baustelle donnerte eine etwa sechs Kilo schwere Seilwinde aus acht Metern Höhe auf den 37-jährigen Vandanser herab. „Meine Arbeitskollegen schrien noch: Obacht. Ich schaute hinauf. Das war mein Glück“, sagt er. Die Seilwinde traf ihn auf der Stirn und im Gesicht. „Hätte sie mich einige Zentimeter weiter hinten am Kopf getroffen, wäre ich heute nicht mehr da“, meint der Montafoner.

Lothar Flatz spielt mit den Fransen des Tischtuchs. Der fürchterliche Arbeitsunfall hat nicht nur in seinem Gesicht Narben hinterlassen, sondern auch in seiner Seele. „Er ist empfindlicher geworden“, meint seine Mutter, die ihn nach dem Unfall aufgepäppelt hat. „Ach, Mama, das stimmt doch gar nicht“, macht er auf cool.

„Habe alles mitgekriegt“

Bei der Schilderung des Unfallhergangs versucht er emotionslos zu bleiben: „Ich habe alles mitgekriegt und war noch bei vollem Bewusstsein, als die Rettungskräfte kamen.“ Ein Arbeitskollege habe ihn gebeten, ihn nicht anzuschauen. „Er ertrug meinen Anblick nicht. Da wusste ich, dass ich gröber verletzt sein muss.“ Nach der Erstversorgung durch den Notarzt wurde der schwer verletzte Handwerker mit dem Rettungshubschrauber in die Universitätsklinik Zürich geflogen. In einer sechsstündigen Notoperation retteten ihm die Ärzte das Leben.

Der Montafoner zählt die Blessuren auf, die er erlitten hatte: Schädelbasisbruch, Zertrümmerung von Augenhöhlen, Stirn, Mittelgesicht, Nase und Schläfen. Dazu vier ausgeschlagene Zähne. Lothar Flatz erinnert sich: „Bis aufs Kinn war einfach alles gebrochen. Und ich hatte keine Nase mehr.“

Aufwendige Rekonstruktion

Nach einiger Zeit wurde Lothar Flatz dann von Zürich ins Landeskrankenhaus Feldkirch gebracht und dort eine Woche auf der Intensivstation behandelt. Schließlich wagten sich die Chirurgen an die Wiederherstellung seines Gesichts. „Meine Freundin musste den Ärzten Fotos von mir bringen, damit sie einen Eindruck hatten wie ich vor dem Unfall ausgesehen habe.“ Anhand dieser Bilder machten sich die Chirurgen an die Gesichtsrekonstruktion.

„Die OP hat über fünf Stunden gedauert“, erzählt der 37-Jährige. Unter anderem setzten die Ärzte ihm dort, wo die Augenhöhlen waren, Netze aus Titan ein. „Allein im unteren Gesichtsbereich habe ich acht Platten drinnen.“ Lothar Flatz stockt kurz und nimmt dann einen Schluck Cola. Das viele Reden hat ihn müde gemacht.

Außerdem liegt ein langer Arbeitstag hinter ihm. Seit Mitte April geht der Vandanser wieder seinem Job nach. Aber er ist noch nicht der Alte. „Mir fehlt noch ein wenig die Kraft.“ Dann fragt er seine Mutter, was es zum Abendessen gibt. „Steaks.“ Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Durch das, was ihm passiert ist, schätzt er das Leben und vor allem die Annehmlichkeiten des Lebens noch mehr.

„Ich habe mich auch vorher schon über jeden neuen Tag gefreut. Aber jetzt tue ich das, was mir richtig Freude macht, weil ich weiß, dass es morgen vorbei sein kann.“ Gutes Essen zählt für den Montafoner in dieser Hinsicht genauso dazu wie sein Mitwirken bei der Ortsfeuerwehr Vandans.

Außerdem hat Lothar Flatz ein ganz klares Ziel vor Augen, das da heißt: Familiengründung. Er nimmt seine Freundin in den Arm, mit entspanntem und weichem Gesichtsausdruck verrät er: „Ja, wir wollen Kinder.“

Schlimme Verletzungen erlitten.
Schlimme Verletzungen erlitten.