Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Die ignorierte Katastrophe

Politik / 22.05.2015 • 22:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

2014 diskutierten wir noch darüber, ob es adäquat sei, Flüchtlinge in Containern unterzubringen. Heute sind wir weiter: Eilig aufgestellte Zelte sind völlig okay. 60 davon stehen mit dem heutigen Tag in Österreich, es sind traurig-kalte Campingplätze der Hoffnungslosigkeit – und jedes einzelne Zelt ist ein Zeichen, wie sehr wir uns mit der größten Flüchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg nicht in der Mitte unserer Gesellschaft beschäftigen wollen.

Unsere Kälte spricht Bände. Wir hüllen die Flüchtlingskatastrophe in Zahlen, wir distanzieren uns sprachlich vom Elend. In den Zeltdörfern hocken keine Kinder, sondern im Amtsdeutsch UMF – unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. 70 davon gibt es derzeit in Vorarlberg. Darüber hinaus: Ärzte, Techniker, Lehrer – von den aktuellen Geschehnissen zum Frieren in der Fremde verdammt.

Es ist auch in Vorarlberg zu wenig, erst Mitte Juni mit 15 zufällig ausgewählten „Bürgerräten“ darüber zu diskutieren, was wir mit den Flüchtlingen machen sollen. Es reicht nicht, die Bundespolitik vom warmen Büro im Landhaus aus kritisch zu kommentieren. Es ist Initiative gefragt. Initiative, die die früher rührigste, heute weitgehend gezähmte Oppositionspartei unbequemst eingefordert hätte.

Im Jänner war der Schulterschluss für wenige Tage spürbar, wir suchten gemeinsam Unterkünfte. Die Quote war Ziel, Motivation und Drohung zugleich.

1400 Flüchtlinge werden derzeit in Vorarlberg versorgt. Glauben wir ernsthaft, dass unser Land sich darnieder legt, wenn wir in jedem Ort ein zusätzliches Haus für Flüchtlingsfamilien finden? Engagierte Gemeinden wurden alleine gelassen. Alberschwende ist alleine vorgegangen, ohne großen Rückhalt vonseiten der Landesregierung. Und statt einordnender Erklärung kamen überraschende Polizeieinsätze. Aber das beherzte Vorpreschen für die Menschlichkeit löste Wellen weit über unsere Grenzen aus. Es wurde uns vor Augen geführt, was die Standards der Nächstenliebe geböten.

Die Politik, auch im Land, scheint mit der Flüchtlingswelle überfordert. Jetzt liegt es an uns, den Hausverstand einzuschalten.

In den traurigen Zeltdörfern hocken keine Kinder, sondern im Amtsdeutsch UMF.

gerold.riedmann@russmedia.com, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320