„Kosten-Umverteilung hin zu den Kranken“

Politik / 22.05.2015 • 22:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die ÖVP will Selbstbehalte im Gesundheitsbereich einführen, um die Eigenverantwortung zu erhöhen. Experten halten dies für unsinnig. FOTO: APA
Die ÖVP will Selbstbehalte im Gesundheitsbereich einführen, um die Eigenverantwortung zu erhöhen. Experten halten dies für unsinnig. FOTO: APA

Gesundheitsexperten gegen ÖVP-Wunsch nach Selbstbehalten für Arztbesuche.

wien, schwarzach. Übermäßig glücklich zeigt man sich auf VN-Anfrage im Gesundheitsministerium von Sabine Oberhauser (SPÖ) nicht. Allerdings – es sei ja nicht neu, das Ansinnen der ÖVP, Selbstbehalte für Arztbesuche einzuführen. Es sei auch nicht neu, solche Ziele unter dem Stichwort „mehr Eigenverantwortung“ in ihr neues Programm zu schreiben, aber mehr als ein ÖVP-Wunsch auf einem neuen ÖVP-Papier sei es derzeit nicht.

Wie berichtet, will die ÖVP Kranke künftig mehr zur Kasse bitten – eben durch die Einführung neuer Selbstbehalte. Im Gegenzug könnten die Sozialversicherungsbeiträge etwas gesenkt werden. VP-Finanzminister Hans Jörg Schelling skizzierte das Modell gegenüber den VN so: „Wenn man Gesundheitspolitik machen will, muss man die Eigenverantwortung des Patienten erhöhen.“ Dafür brauche es aber Anreize. „Zum Beispiel: Jemand, der an einem Gesundheitsprogramm teilnimmt, zahlt nur den halben Selbstbehalt“, argumentiert Schelling.

„Davon halte ich nicht viel“, erklärt Günter Diem den VN. Für den in Lustenau niedergelassenen Allgemeinmediziner und stellvertretenden Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Public Health führten Selbstbehalte „nur zu einer Umverteilung der Kosten hin zu den Kranken“. Und wer diese Kranken sind, sei inzwischen ebenfalls klar: „Das sind in der Mehrheit ältere sowie Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsniveau.“

Ungleichheit steigt an

Dem pfichtet auch Maria Hofmarcher bei, die einen weiteren Punkt herausstreicht: Derzeit erlebe Österreich eine steigende Ungleichheit bei den Einkommen von Frauen und Männern, durch die Einführung von Selbstbehalten würde der Druck auf Betroffene noch größer werden: „Wir wissen aus Untersuchungen, dass von Selbstbehalten in Relation zum Einkommen die Frauen am stärksten betroffen sind“, erklärt die Ökonomin und Gesundheitswissenschafterin den VN. Denn Frauen hätten weniger Einkommen, bezögen aber mehr Gesundheitsleistungen.

Ganz abgesehen davon seien die bisher schon zu leistenden Selbstbehalte in Österreich „auf einem sehr hohen Niveau“: Von den rund 29 Milliarden Euro, die jährlich für Gesundheit ausgegeben werden, seien 6,7 Milliarden Euro private Ausgaben. 67 Prozent davon seien Selbstzahlungen für Wahlärzte, rezeptfreie Medikamente, Heilbehelfe, Zahnmedizin und anderes, bereits 12 Prozent seien Selbstbehalte etwa für Rezeptgebühren, Spitalskosten und ähnliches, der Rest gehe für private Krankenversicherungen auf, rechnet Hofmarcher vor. Und Günter Diem ergänzt: Mit annähernd 30 Prozent der gesamten Gesundheitskosten, die in Österreich bereits aus privater Tasche bezahlt würden, „liegen wir im Spitzenfeld aller OECD-Länder“.

Gesundheitsökonomin Hofmarcher wirft zwar ein, dass kein Gesundheitssystem ohne Selbsbehalte auskomme, doch habe sich diesbezüglich in Österreich in den vergangenen Jahren „ein Wildwuchs“ entwickelt, bestehende Selbstbehalte seien noch immer nicht sozialverträglich gestaffelt, daher „ist es sicher nicht zielführend, jetzt über neue Eigenleistungen zu diskutieren“.

Verweis auf „Rohrkrepierer“

Public-Health-Experte Diem verweist zusätzlich auf den „Rohrkrepierer der Ambulanzgebühren“ – damit wollte man die Patienten vermehrt vom teuren Spital weg in den kostengünstigeren niedergelassenen Bereich bringen. „Und jetzt will man einen Selbstbehalt beim Hausarzt einführen? Das ist doch widersinnig. Das kann doch nicht ernst gemeint sein.“ 

Etliche internationale Studien zeigen darüber hinaus, dass Selbstbehalte auch zu höherem Sterblichkeitsrisiko führen können. Eine Zuzahlung von rund 1,5 Dollar für den Arztbesuch hat etwa die Zahl der Arztkontakte in Kanada im Durchschnitt um knapp sieben Prozent reduziert, bei ärmeren Bevölkerungsgruppen sogar um 18 Prozent. Dies rächte sich mit zusätzlichen, sonst vermeidbaren Krankheiten.

Das ist widersinnig. Das kann doch nicht ernst gemeint sein.

Günter Diem

Selbstbehalte sind schon auf einem sehr hohen Niveau.

Maria Hofmarcher