Mit Herzblut vom Bodensee bis zur Wüste Gobi

Kultur / 22.05.2015 • 22:15 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein Brief mit sozialpolitischem Inhalt von Felder.
Ein Brief mit sozialpolitischem Inhalt von Felder.

Wahre „Schätze aus dem Felder-Archiv“ findet man nun im Hermann-Hesse-Museum.

gaienhofen. Das literarische Gaienhofen am Untersee, ein kleiner Ort im Landkreis Konstanz, gibt es nur, weil unter anderem Hermann Hesse dort gelebt hat. Zudem stößt bis heute auch die ehemalige Künstlerkolonie auf der Höri (Dix, Heckel, Ackermann etc.) auf großes Interesse. Was haben aber Hermann Hesse und Grete Gulbransson, Jean Améry und Elias Canetti, Paula Ludwig und Martin Walser, Fritz Mühlenweg und Peter Handke oder Hermann Kinder und Arno Geiger gemein? Sieht man von ihrer Autorschaft einmal ab, wohl nur wenig. „Und doch bilden sie mit einzelnen Briefen und Manuskripten, Tagebüchern und Lebenszeugnissen, mit kleineren oder umfangreicheren Werkkomplexen oder kompletten Nachlässen im einzigen Literaturarchiv am Bodensee ein weitverzweigtes Netz literarischer, motivischer, sozialer und geographischer Bezüge, in denen sich kaum auszuschöpfende geistige Konturen dieser Region zu erkennen geben“, sagt der in Konstanz lebende Schriftsteller und Literaturhistoriker Manfred Bosch (67), Mitinitiant der Ausstellung. Die Rede ist vom Franz-Michael-Felder-Archiv der Vorarlberger Landesbibliothek in Bregenz.

Eine Talentexplosion

Hervorgegangen sei das Literatur-Archiv in Bregenz aus kulturpolitischen Überlegungen Ende der 1970er-Jahre. Damals erlebte die literarische Entwicklung Vorarlbergs einen regelrechten Quantensprung. Bis dahin, erinnert sich Ulrike Längle, Gründungsleiterin des Archivs und Literaturwissenschaftlerin, sei Literatur so ziemlich das Letzte gewesen, womit man Vorarlberg in Verbindung gebracht hätte – doch dann habe sich „quasi über Nacht“ eine wahre Talentexplosion vollzogen. Vor einigen Jahren urteilte Michael Krüger, damals noch Leiter des renommierten Hanser-Verlags und auch Dichter, Vorarlberg habe literarisch mehr Qualität zu bieten als die gesamte Schweiz. „Diese etwas allzu forsche Formulierung mag hier nur so viel besagen, dass es für ein literarisches Archiv Vorarlbergs Zeit war“, sagt Manfred Bosch, dessen Vorlass an der Kirch­straße in Bregenz aufbewahrt wird. Das Felder-Archiv wurde 1981 durch einen Vertrag zwischen der Vorarlberger Landesregierung und dem Franz-Michael-Felder-Verein ins Leben gerufen. Seinen Betrieb nahm es vor 31 Jahren auf. Namensgeber ist der Bauer, Schriftsteller und Sozialreformer Franz Michael Felder (1839–1869), „ein Titan des 19. Jahrhunderts“, wie ihn sein Kollege Arno Geiger nennt.

Nun gehört es zur Unumgänglichkeit eines Archivs, dass seine Bestände der Öffentlichkeit weitgehend verschlossen und vor allem der Forschung vorbehalten bleiben. Dennoch sehen sich Archive vor der Forderung, sich auch nach außen darzustellen und die Öffentlichkeit an den Ergebnissen ihrer Arbeit teilhaben zu lassen. Diesen Erwartungen kommt auch das Felder-Archiv nach. So hat es allein im Hermann-Hesse-Höri-Museum bereits zweimal Teile seiner Bestände ausgestellt: Nach der Sammlung Hartmann („Im Auftrag der Schrift“) präsentierte es 2011 zusammen mit der literarischen Gesellschaft „Forum Allmende“ das Werk des deutschen Philologen und Schriftstellers Hermann Kinder, das damals als sogenannter Vorlass seinen Weg ins Felder-Archiv nahm. Und nun, 2015, ist es mit der Ausstellung „Herzblut. Tinte. Druckerstrahl“, gewissermassen „das Archiv selbst“, das sich bis zum 27. September in Gaienhofen besichtigen lässt.

Großer Fundus

Gezeigt wird eine Auswahl von rund 70 Exponaten: darunter, spektakulär, ein Exemplar der „Chansons Malaises“ (1935) von Ivan Goll, in die er mit seinem eigenen Blut ein kleines Herz für seine Geliebte Paula Ludwig als Widmung hineingemalt hat. Von Hermann Hesse wird ein bisher unbekanntes signiertes Foto von 1909, als Hesse mit seiner Familie in Gaienhofen lebte, aus dem Nachlass des österreichischen Schriftstellers Hans Sterneder gezeigt. Oder da lässt sich das Originalmanuskript von Arno Geigers Roman „Es geht uns gut“, mit dem er den ersten Deutschen Buchpreis gewann, ebenso betrachten wie Briefe und Karten von Arthur Schnitzler, Ernst Jünger und Alfred Kubin. Auch Jochen Kelters Tagebuch von 1993/94, als er in Tägerwilen lebte, wird gezeigt. Überdies machten Briefe von Angelika Kauffmann an den von ihr verehrten Klopstock oder von Martin Heidegger deutlich, dass Dokumente aus den Bereichen Kunst, Philosophie und Wissenschaft ganz selbstverständlich zum Sammlungsbereich gehören.

Als westlichstes Bundesland Österreichs spielt die Nachbarschaft Vorarlbergs zu den anderen Bodensee-Anrainern seit jeher eine Rolle. Manfred Bosch: „So stellt auch ,Herzblut. Tinte. Druckerstrahl‘ ein vielgestaltiges Beziehungsgeflecht dar, dessen Stationen und Zeugnisse von Schoppernau im hinteren Bregenzerwald weit über den Bodenseeraum hinaus bis nach Brasilien und bis zur Wüste Gobi reichen und, wie die Literatur selber, auf überraschende Weise neue Zusammenhänge sichtbar machen.“

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Arno Geiger und Manfred Bosch (Schriftsteller), Ulrike Längle (Felder-Archiv), Jochen Kelter (Schriftsteller), Ute Hübner (Leiterin des Hesse-Museums) und Jürgen Thaler (Felder-Archiv). Fotos: Keller
Arno Geiger und Manfred Bosch (Schriftsteller), Ulrike Längle (Felder-Archiv), Jochen Kelter (Schriftsteller), Ute Hübner (Leiterin des Hesse-Museums) und Jürgen Thaler (Felder-Archiv). Fotos: Keller

Geöffnet im Hesse-Museum in Gaienhofen am Bodensee bis 27. September, Di bis So, 10 bis 17 Uhr: hermann-hesse-hoeri-museum.de