Auf der Suche nach dem Bruder

Vorarlberg / 25.05.2015 • 20:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Am 29. April 1945 erreichten die Franzosen Vorarlberg, zwei Tage später waren sie in Mäder. STADTARCH. BREGenz  
Am 29. April 1945 erreichten die Franzosen Vorarlberg, zwei Tage später waren sie in Mäder. STADTARCH. BREGenz  

Flucht in die Schweiz. Kinderliebende Marokkaner. Und was ist mit Erhard passiert?

Heidi Rinke-Jarosch

mäder. „Er starb in sowjetischer Gefangenschaft.“ Das und mehr hat Siegfried Koch durch Nachforschungen über das Schicksal seines Bruders Erhard herausgefunden, der seit 1945 als verschollen gilt. Im Juli plant er eine Reise nach Russland. Er will Erhards Grab finden.

Siegfried Koch ist mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in Mäder aufgewachsen. Die Familie bewohnte ein Haus an der Rheinstraße, an das eine Bäckerei und eine kleine Landwirtschaft angeschlossen waren. Als Bäckermeister zählte der Vater zu den Versorgern der Gemeinde und musste nicht in den Krieg ziehen.

1945 ging Siegfried in die erste Klasse Volksschule. „Die Lehrerin war sehr streng und nazifreundlich. Über die Nazis durfte man nichts Negatives sagen“, erinnert er sich ebenso wie an die vielen schulfreien Tage wegen Fliegeralarms. An einem besonders kritischen Tag im April – „übers Radio vernahmen die Eltern, dass der Krieg dem Ende zuging“ – flüchtete die Mutter mit den drei Kindern Elsa, Siegfried und Bertwin in die Schweiz. Der Älteste, Erhard, war an der Front, die jüngsten Brüder, Hubert und Dietmar, wurden erst nach Kriegsende geboren. „Die Grenze war kurzfristig offen. So gingen wir über die alte Holzbrücke hinüber nach Kriessern“, erzählt Siegfried. Dort wurde die Familie von einer guten Bekannten der Eltern aufgenommen. „Die Mutter kehrte allerdings tags darauf zurück zum Vater, wir Kinder blieben ein paar Tage länger“, weiß Siegfrid Koch noch. Der Ausflug in die Schweiz sei „ein angenehmes Erlebnis“ für den damals Siebenjährigen gewesen: „Wir bekamen schon zum Frühstück Schokolade.“

Soldaten und Mulis

Am 1. Mai 1945 standen die Kochs vor ihrem Haus, aus dessen Fenster weiße Tücher hingen, und beobachteten den Einmarsch der Franzosen. „Es war um die Mittagszeit, als eine Fußtruppe dunkelhäutiger Soldaten mit Mulis an uns vorüberzog. Uns wurde gesagt, das sind Marokkaner – die Vorhut der Franzosen.“ Einer sei auf einem Schimmel geritten. „Das war Abdeslem, der Chef der Truppe“, erzählt Siegfried Koch. „Er ging dann in unserem Haus ein und aus.“ Anschließend rollten Franzosen in Panzern und Heeresfahrzeugen über die Rheinstraße.Die Marokkaner schlugen am Ortsrand ein Zeltlager auf, „die Mulis brachten sie im großen Schuppen daneben unter.“ Für ihn als Kind seien diese Menschen mit dunkler Hautfarbe sehr interessant gewesen: „Sie waren fröhlich und mochten uns Kinder. Wir bekamen von ihnen Schokolade und Zuckerle.“ Mit Bäcker Koch vereinbarten die Besatzungssoldaten die Benützung der Waschküche fürs Zerlegen von Tieren für die Mahlzeiten, die zum Teil in der Backstube zubereitet wurden.

Im Herbst 1945 waren die ersten Heimkehrer bereits mit ihren Familien vereint. Doch Erhard war nicht dabei. Siegfried hat seinen älteren Bruder zum letzten Mal 1944 gesehen, als dieser auf Heimaturlaub in Mäder war. Die Mutter habe geweint, als Erhard wieder an die Front ziehen musste und nie mehr zurückkehren sollte. „Der Abschied von ihm fühlte sich wie ein Begräbnis an“, sagt Siegfried berührt.

Die Eltern starben, ohne erfahren zu haben, was ihrem Sohn zugestoßen ist. „Deshalb war es für mich eine entscheidende Aufgabe das herauszufinden und ihm die letzte Ehre zu erweisen.“ 2012 begann Siegfried Koch mit intensiven Recherchen mithilfe verschiedener Organisationen. Seine Ermittlungen ergaben, dass Erhard Anfang Jänner 1945 im rumänischen Buzau von Rotarmisten gefangen genommen und in das sowjetische Kriegsgefangenenlager für deutsche Soldaten in Schachty, Verwaltungsbezirk Rostow, überstellt wurde.

Dem Lagerbericht zufolge fand die Vernehmung von Erhard Koch am 13. Jänner statt. Am 11. Februar verlor er sein Leben durch Herzversagen. Sein Leichnam wurde auf dem Lagerfriedhof beerdigt.

Auf seine Reise nach Schachty nimmt Siegfried Koch eine Handvoll Heimaterde mit: „Die streue ich auf das Grab meines Bruders.“

Der Abschied von ihm fühlte sich wie ein Begräbnis an.

Siegfried Koch

Zur Person

Siegfried Koch

war bis zur Pensionierung 1999 Bezirksanwalt in Feldkirch, danach noch bei der Staatsanwaltschaft Liechtenstein.
Geboren: 30. Mai 1938
Wohnort: Mäder
Familie: verheiratet, 1 Sohn,
1 Tochter