Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Tabubrüche

Politik / 25.05.2015 • 22:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Zwei Meldungen aus Vorarlberg haben es zuletzt in die nationalen Medien geschafft. Beide haben nichts miteinander zu tun, aber eines gemeinsam: Das Ende einer Ära, und sie kommen einem Tabubruch gleich. Zum einen das von der ÖVP Vorarlberg verkündete Aus für die AHS-Unterstufe. Was haben die Befürworter einer Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen nicht alles an guten Argumenten vorgebracht: Die Entscheidung über den Bildungsweg soll nicht schon mit neun Jahren erfolgen, mehr Chancengleichheit für Kinder aus sozial schwachen Schichten, bessere schulische Leistungen. Von Wirtschaftskammer über SPÖ, Grüne und Neos bis zu ÖVP(!)-Bildungsexperten wie Bernd Schilcher wurde eine zeitgemäße und zukunftsorientierte Reform des Bildungssystems gefordert. Alles ist am stereotypen Njet der schwarzen AHS-Gewerkschafter gescheitert. Gegen den Gewerkschafterbeton hatten auch die Hinweise auf erfolgreichere Schulsysteme in weiten Teilen Europas keine Chance. Als eher faulen Kompromiss hatte man, gerade in Vorarlberg, die neue Mittelschule forciert. Bald hat sich gezeigt, dass diese Schulform weder eine Verbesserung der schulischen Leistungen noch Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit gebracht hat. Auch das neue ÖVP-Parteiprogramm hat vor wenigen Wochen die Langform des Gymnasiums festgeschrieben. Und nun das! Eine schwarze Bildungslandesrätin verkündet, gestützt auf eine breit angelegte Studie: Wir wollen in acht bis zehn Jahren die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen einführen. Und der neue Chefideologe der Bundes-ÖVP, Staatssekretär Harald Mahrer, begrüßt das „als konstruktiven Beitrag“. Eine schallende Ohrfeige für die teilweise sehr prominenten Unterstützer der AHS-Langform. Ihre „Initiative Pro Gymnasium“ mutet jetzt an wie der Aufruf zum letzten Gefecht, auch wenn die Protagonisten mit dem Lied, dem dieses Zitat entnommen ist, sicher nichts am Hut haben. Sie werden vermutlich nicht klein beigeben. Die erste Reaktion klang aber schaumgebremst, denn auch sie kommen an der Studie mit Beteiligung von fast 20.000 Lehrern, Eltern und Schülern nicht vorbei.

Den zweiten Tabubruch bedeutet die Bestellung von Gerold Riedmann auf einen Posten mit bemerkenswert hoher Fluktuationsrate, den des VN-Chefredakteurs. Vor allem aber dessen erste Ankündigungen. Für ihn hat Zeitung mit bedrucktem Papier nicht mehr viel zu tun, die Zukunft gehört digitalen Medien („Ich bin überzeugt, dass die VN nicht ans Papier gefesselt sind. Unser Journalismus wird zwar heute auf Papier gedruckt, aber vor allem im Tageszeitungsbereich Tag für Tag immer stärker auf digitalen Wegen gelesen.“). Das deckt sich zwar mit Erfahrungen in den USA und immer mehr auch in Europa, wo selbst renommierte gedruckte Zeitungen vom Markt verschwinden und durch Onlineausgaben ersetzt werden, und wird auch nicht in zwei Jahren, sondern mittelfristig passieren, aber eine solche Ansage ist für den frischgebackenen Chefredakteur einer Zeitung starker Tobak. Immerhin gelten in den meisten Medienhäusern, auch in meinem ehemaligen Unternehmen, Online-Redakteure immer noch als Journalisten zweiter Klasse, obwohl sie mit den News schneller am Markt sind als die Kollegen aus Zeitung, Radio oder Fernsehen und auf immer mehr Nutzer verweisen können. Sie dürften ab jetzt mit breiterer Brust durchs Medienhaus in Schwarzach gehen. Auch in Vorarlberg hat offenbar ein neues Medienzeitalter begonnen.

Alles ist am stereotypen Njet der schwarzen AHS-Gewerkschafter gescheitert.

wolfgang.burtscher@vorarlbergernachrichten.at
Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landesdirektor, lebt in Feldkirch.